Türen zur Gesellschaft


Durchgangsbreite, Beschlägeauswahl, Materialisierung und genügend Freiraum sorgen für Barrierefreiheit. Bild: Dormakaba
Durchgangsbreite, Beschlägeauswahl, Materialisierung und genügend Freiraum sorgen für Barrierefreiheit. Bild: Dormakaba
Hindernisfreiheit. Türen können im Alltag schnell zum Hindernis werden, wenn man auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen ist oder Mühe mit der herkömmlichen Türbedienung hat. Der Schreiner kann mit Weitsicht und Fachwissen praxistaugliche Lösungen bieten.
Wenn es um Barrierefreiheit bei Türen geht, haben die meisten Menschen eine grobe Vorstellung von Rampen, Schwellen, besonderen Markierungen sowie automatischen Zugangslösungen. Besonders Türen spielen bei barrierefreien Bauten als Ein- und Durchgänge eine zentrale Rolle.
Die Bedeutung von Türen ist für die meisten gesunden Menschen zweitrangig, sie haben als Durchgänge jedoch auch eine symbolische Aufgabe, indem sie die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglichen oder eben verhindern. Eine durchdachte Gestaltung von Türen kann dazu beitragen, die Gemeinschaft für alle zugänglicher und inklusiver zu gestalten. Von der Türbreite bis zu den Türgriffen, von visuellen Hinweisen bis zur Schwellenausführung: Eine abgestimmte, barrierefreie Tür vereinfacht die Nutzung von Gebäuden erheblich.
Der Schreiner erhält den Auftrag für eine barrierefreie Tür oftmals direkt vom Architekten. «Das Wissen über die kantonalen Baugesetze und die SIA-500-Norm, worin die Hindernisfreiheit massgebend geregelt wird, liegt also beim Planer», sagt Peter Habe, dipl. Architekt ETH bei der Schweizer Fachstelle «Hindernisfreie Architektur» aus Zürich. Für den Schreiner ist es daher wichtig, zu wissen, welche Möglichkeiten es im Bereich der schwellenlosen Türen und Ausstattungen auf dem Markt gibt oder wo er die entsprechenden Anforderungen finden kann. Noch vor dem Zusammenspiel zwischen Planung und Ausführung gilt es bereits vorab, die Möglichkeit einer nachträglichen Aufrüstung von Türen gemäss den individuellen Bedürfnissen zu beachten. Laut Dean Stuppan, Verkaufsleiter bei der Geze Schweiz AG, sind die Schreiner grundsätzlich gut über die Richtlinien für Barrierefreiheit informiert, da dieses Thema aktuell im Fokus steht: «Was die Automatisation der Tür anbelangt, ist der Schreiner eher noch vorsichtig, da eine automatisierte Tür als Maschine gilt und dadurch auch unter die Maschinenrichtlinie fällt.»
Bei öffentlich zugänglichen Bauten, die unter die SIA 500 fallen, wird in der Baugesuchsprüfung jeweils darauf hingewiesen, wie die Türen ausgebildet sein sollten. «Wie dann genau gebaut wird, ist aus den Baugesuchsplänen jedoch meistens nicht exakt ersichtlich, da die Details dazu noch nicht erstellt sind», sagt Habe. Handelt es sich um ein nicht öffentlich zugängliches Gebäude, welches nicht unter die SIA 500 fällt, ist die Barrierefreiheit nicht explizit geregelt. «Hier kommt es auf die Bauherrschaft an, ob diese beispielsweise dennoch eine schwellenlose Fenstertür umgesetzt haben möchte», sagt Habe.
Der Schreiner kann in solchen Fällen viel bewirken, indem er die entsprechenden Lösungsmöglichkeiten kennt und diese seiner Kundschaft anbietet. In der Praxis werden barrierefreie Massnahmen teils aus Kostengründen und teils auch wegen der Ästhetik noch zu wenig strikt umgesetzt. «Die Planung der Architekten beisst sich oftmals mit dem Thema, dass sehr breite, schwere und hohe Türen geplant werden», sagt Toni Maric, Leiter Neuanlagen Automatische Türsysteme bei der Dormakaba Schweiz AG aus Wetzikon ZH. Oft wird die Barrierefreiheit erst im Nachhinein zum Thema für die Nutzer, und die Betreiber müssen Türen umbauen und hohe Kosten in Kauf nehmen.
Die Barrierefreiheit sollte so früh wie möglich in die Planung einbezogen werden. Das hat zur Folge, dass entsprechende Massnahmen bereits in einem frühen Projektstadium eingeplant werden. «Werden solche Bedürfnisse hier nicht berücksichtigt und können barrierefreie Türen dadurch erst nach der Rohbauphase gebaut werden, wird es schwierig, diese in einem realistischen Kostenrahmen umzusetzen», sagt Habe. Technisch gesehen gibt es – Stand heute – viele Möglichkeiten, Türen hindernisfrei zu erstellen und auf individuelle Bedürfnisse auszurichten. «Zentral ist, dass bereits in der Vorplanung klar ist, wie die Tür funktionieren soll und welche Bedürfnisse sie erfüllen muss», sagt Stuppan. Hier sind die Unternehmer gefordert, die technisch machbaren Lösungen zu kennen. «Wichtig ist, beim Einbau darauf zu achten, dass Massnahmen, wie beispielsweise Leerrohre, vorgesehen werden, damit eine nachträgliche Ausrüstung auf Wunsch möglich ist», rät Habe.
Die Barrierefreiheit sollte heute kein technisches Problem mehr sein. «Mit intelligenten Türsystemen werden Einrichtungen wie Stadtverwaltungen, Spitäler, Einkaufszentren oder auch Wohnhäuser für jeden Besucher komfortabel zugänglich. Durchdachte Produkte für den Innenbereich setzen die Bewegungsfreiheit fort», sagt Maric. Technische Entwicklungen wie Türschliesssysteme oder die Türautomation erweitern die Möglichkeiten in der Umsetzung von barrierefreien Türen. «Die Entwicklung in Richtung automatisierter Türen wird vom Markt stark forciert, da die eingebauten Türen immer grösser und schwerer werden», sagt Stuppan. «Zudem wird mit dieser Entwicklung auch das Thema Sicherheit bei der Tür enorm wichtig.» Besonders das Wissen in der Elektrotechnik muss im Handwerk noch aufgebaut werden, damit die Planung einfacher fällt und die Kosten kalkulierbarer werden. Wenn Fachplaner bereits frühzeitig im Projekt mitwirken und den Architekten sowie den Planer unterstützen können, wird die Grundlage für den Schreiner klarer. Hierfür benötigt es eine enge Zusammenarbeit zwischen den Herstellern, den Fachplanern und den Fachstellen. «Wir von der Schweizer Fachstelle für hindernisfreie Architektur machen Grundlagenarbeit und sind daher auch im Austausch mit Systemherstellern, um mögliche Lösungen für die Praxis auszuloten», ergänzt Habe.
Die Gegebenheiten sind nicht immer einfach, und es ist eine zentrale Aufgabe, die passenden Lösungen für spezielle Türkonstruktionen zu finden. «Oft sind die Betreiber mit dem Thema überfordert und erstaunt, dass es in der Umsetzung so viele Schnittstellen zu beachten gibt», sagt Maric. Modernes Bauen heisst auch barrierefreies Bauen und ist eine wesentliche Voraussetzung für ein Leben in Selbstständigkeit. «Barrierefrei zu planen und zu bauen, bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und eine Umgebung zu gestalten», sagt Stuppan. Die barrierefreie Umsetzung ist die Aufgabe aller am Bau beteiligten Parteien und bringt einen Mehrwert für das Gebäude und die Nutzer. Mit Offenheit und dem fachlichen Wissen kann der Schreiner hier einiges bewegen.
www.hindernisfreie-architektur.chwww.dormakaba.chwww.geze.ch
Hier ein Zusammenzug von Empfehlungen für barrierefreie Türen.
Die Breite von barrierefreien Türen muss mindestens 80 cm betragen. Das Mass ergibt sich aus der Breite des Rollstuhls und dem Platzbedarf für die Hände.
Bei manuell bedienten Hauseingangstüren ist auf der Türöffnungsseite neben dem Türdrücker eine freie Fläche von mindestens 60 cm Breite vorzusehen. Diese ist für die Türbedienung mit dem Rollstuhl oder dem Rollator besonders wichtig. Für den Fall, dass im Bestand eine Freifläche von 60 cm nicht umsetzbar ist, kann diese auf bis zu 20 cm reduziert werden. Dafür muss hinter dem geöffneten Türflügel jedoch mindestens 100 cm Platz vorhanden sein. Ist dies nicht möglich, sollte die Tür automatisiert werden.
Wenn immer möglich sind Türen schwellenlos auszuführen. Kann auf Schwellen nicht verzichtet werden, dürften diese nicht höher als 2,5 cm sein.
Ein Türspion ist in einer barrierefreien Tür nach Richtwert auf zirka 115 cm vorzusehen. Die normale Einbauhöhe von Spionen beträgt zwischen 150 und 160 cm. Deshalb macht es in Haushalten mit Rollstuhlfahrern Sinn, einen zweiten Türspion einzubauen.
Türbeschläge können auf der üblichen Höhe von 100 cm montiert werden. Rollstuhlfahrer bevorzugen jedoch eine Montagehöhe von 85 cm.
Die Türöffner-Anlage und der Taster sollten auf geeigneter Höhe, zwischen 85 und 110 cm, an gut zugänglichen und sichtbaren Orten platziert werden.
Griffe sollten so gestaltet sein, dass sie von Menschen mit unterschiedlichen Greif- und Handbewegungsfähigkeiten leicht bedient werden können. Hebelgriffe sind oft eine gute Wahl, da sie leicht zu drücken oder zu ziehen sind. Türknäufe sind nicht geeignet.
Türdrücker und -griffe dürfen maximal 25 cm in die Laibung zurückversetzt werden.
Bei Türen mit Türschliessern haben sich Haltegriffe auf der Öffnungsseite am Türrahmen oder an der Wand unmittelbar neben der Tür bewährt.
Ein Türschliesser bei einer manuell bedienten Tür darf höchstens auf eine Schliesskraft von 30 N eingestellt sein.
Öffnen und Schliessen von Türen sollte mit wenig Kraftaufwand möglich sein.
Kommen Schmutzfänger oder Matten zum Einsatz, sollten diese gut befahrbar sein. Borstenmatten und Teppiche mit hohem Floor sind weniger geeignet.
Türen und Beschläge sollten einen ausreichenden Farb- und Helligkeitskontrast zur Umgebung aufweisen. In öffentlichen Gebäuden sollten Türen zudem mit visuellen und takti-len Hinweisen versehen sein, um zu signalisieren, ob die Tür geöffnet oder geschlossen ist.
In Notfällen müssen Türen für alle Personen, einschliesslich der Menschen mit Beeinträchtigungen, leicht sichtbar, zugänglich und einfach bedienbar sein.
Veröffentlichung: 28. September 2023 / Ausgabe 39/2023
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