Schreinerarbeiten per Mausklick

Auch Schreiner können ihre Produkte und Leistungen auf einschlägigen Online-Plattformen positionieren. Bild: Andreas Reinhart

Internethandel.  Die Digitalisierung führt zu einem Wandel von Handwerk und Handel. Immer neue Online-Plattformen bringen auch die Möbelbranche in Zugzwang. Die neuen Geschäftsmodelle bergen aber das Potenzial, spezielle Angebote des Schreiners besser am Markt zu positionieren.

Sekretär gesucht? Da gefiel doch einer, vor Jahren auf der Kölner Möbelmesse. Aber wie hiess noch der Hersteller? Die Suche im Netz beginnt auf www.goodform.ch, dem Online-Warenhaus für hochwertige Designmöbel. Suchbegriff: «Sekretär». 48 Artikel werden gelistet, darunter auch «AtAt» aus der Röthlisberger Kollektion. Der war es. Per Klick gelangt der Nutzer zu Produktbeschrieb, Herstellerinfos und dem Warenkorb. Kauf, Versand und Service werden von goodform.ch abgewickelt. Praktisch. Doch: Was kostet diese Dienstleistung eigentlich?

Verschiedene Preismodelle

Jan Röthlisberger vom gleichnamigen Unternehmen in Gümligen BE nennt keine Zahlen. Von Margenabstufungen ist die Rede, das Modell sei vergleichbar mit dem des stationären Fachhandelsnetzes. Das Traditionsunternehmen hat die Teilnahme im Online-Handel genau geprüft, denn man wollte die Wertschätzung der Kunden nicht untergraben und den Fachhandel unterbieten. Goodform.ch erschien aber seriös und dessen Angebotspalette mit jener im Fachhandel vergleichbar. Zudem habe sich gezeigt, dass der Online-Kunde nicht im stationären Handel kaufe, meint der Unternehmer.

Ein «Ort» der Kaufentscheidung

Das Internet wird beim Möbelkauf immer wichtiger, auch wenn der Löwenanteil immer noch über die Ladentheke geht. Gut drei Viertel der Kundschaft informieren sich vorab online (SZ 34/2016, «Möbelkäufer werden mobil»). Zur Wahl stehen diverse Möbelanbieter mit verschiedenen Geschäftsmodellen und Sortimentsgrössen. Das sind beispielsweise einschlägige Online-Plattformen mit internationaler Designkollektion oder Pfister mit stationärem eigenem Sortiment. Daneben tummeln sich reine Produktdatenbanken wie möbel.de mit einem virtuellen Sortiment von rund einer Million Wohnobjekten aus 250 Online-Shops. Die Plattform sei unschlagbar hinsichtlich eines möglichst umfassenden Marktüberblicks, argumentiert Ralf Wölfle von der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er ist Mitautor des «E-Commerce Reports Schweiz 2016» und meint: «Wer Ihnen bei der Online-Suche zum Beispiel ein tolles Sofa zeigt, hat die grössten Chancen, Ihren Kaufwunsch zu konkretisieren.»

Fachhandel mit Online-Shops

Im Ringen um die Kundschaft etabliert auch der stationäre Fachhandel zunehmend eigene Online-Shops. Die Tendenz gehe hin zu dieser Mischlösung, mit der Möbel weiterhin haptisch erfahrbar seien, vermutet Jan Röthlisberger. Auch er schliesst künftig einen hauseigenen Online-Shop nicht aus. Auch Ralf Wölfle glaubt an die Zukunft des stationären Handels, insbesondere im Möbelbereich, wo sinnliches Erleben und Beratung zentral sind. Aber individuelle Möbel von Handwerksbetrieben findet man dort oft nicht, oder sie sind kaum vertreten. Als Beispiel aus seiner E-Commerce-Studie zitiert der Autor die Neue Wiener Werkstätte (NWW).

Eigener Webshop für die Kollektion

Die NWW verfügt zwar über ein internationales Fachhandelsnetz durch ihren Mutterkonzern, die österreichische Kapo Holding GmbH. Doch ungenügende Aktivitäten der Fachhändler verlangten eine strategische Neuausrichtung. Mithilfe eigener Online-Shops übernimmt die NWW seither den Kundendialog. Der Handelspartner übernimmt Lieferung, Montage, After-Sales-Service und erhält die volle Handelsmarge als Gutschrift. Fazit: Weniger Händler und eine intensivere Zusammenarbeit auf Basis von Grund- und Leistungsrabatten. Auf eine Reduktion der Handelsmarge wurde verzichtet, weil beim Kauf der vergleichsweise teuren Möbel der Handelspartner eine bedeutende Rolle spiele. Die Kraft der Marke «NWW» schätzte man dagegen als nicht ausreichend ein.

Die Illusion beim Online-Gang

Wäre also der eigene Online-Shop die Lösung für Schreiner mit individueller Kollektion und knappem Budget? Noch dazu bei einem «grossen Bruder» mit etabliertem Händlernetz? «Es ist eine Illusion zu glauben, dass der Schreiner seine Produkte einfach im Online-Markt absetzen kann», sagt der Samedaner Schreiner Ramon Zangger. Er stehe im internationalen Wettbewerb mit Jungdesignern. Und die logistischen Kosten stellen ein zusätzliches Problem für einen KMU-Betrieb mit 10 bis 15 Mitarbeitern dar. Zanggers Kerngeschäft besteht aus projektgebundenen Arbeiten in Architektur sowie Innenarchitektur und bedarf der persönlichen Klärung mit den Kunden. Damit ist es für das Internet ungeeignet.

Eine Chance für seine auserlesene regionale Möbelkollektion sieht er aber in der Kooperation mit anderen Designern. Röthlisberger etwa habe einen Händlerring für auserlesene Möbel aufgebaut. «Aber auch ein solches Projekt braucht Erfahrung, Wille und Geld, welches man sich anderswo verdienen muss», meint Zangger.

Eine Frage der richtigen Plattform?

Der Weg zu einem Online-Händler scheint vergleichsweise leichter. Eine Nachfrage bei goodform.ch ergibt, dass Schreinermöbel gegen eine jährliche Eintragsgebühr von 1250 Franken im Sortiment gelistet werden. Bis zu 20 Produkte und ein Profil des Schreiners sind dabei inbegriffen. Bei jedem erfolgreichen Verkauf zahlt der Schreiner weitere 10 Prozent des Verkaufserlöses. Zum Zeitpunkt der Recherche sind allerdings keine typischen Schreiner vertreten. Eine Aufnahme werde individuell beurteilt.

Den Service würde man bei entsprechender Nachfrage aufbauen. Bei möbel.de, der Suchmaschine für Einrichtungen, ist ein Eintrag kostenlos. Bedingung ist ein bestehender Online-Shop und die jeweilige digitale Produktbeschreibung. Auch das scheint nicht der Ort für die Schreiner-Kollektion zu sein.

Selbst ist der Mann

Der Schreiner Raphael Meier in Wiesendangen ZH hält nichts von Online-Plattformen, ob kostenpflichtig oder nicht. Seine Firmenwebsite schreinerei-winterthur.ch mit integriertem Webshop spült ihm das Gros seiner Aufträge ins Haus. Derzeit ist das weit mehr, als der Einzelunternehmer bewältigen kann. Die Aufträge betreffen Meiers gesamtes Portfolio, also Innenausbau, Küchen, CAD-Planung und CNC-Fertigung. Im Shop offeriert er Holzwerke und -zuschnitte sowie Holzöle und auch Spezialprodukte. Und mit dem Shopsystem bewältigt er seine Aufträge deutlich effizienter. Bis zu 120 Besucher verzeichnet seine Website täglich. «Was man selber macht, wirkt authentisch und kommt beim Kunden besser an», sagt der Unternehmer, dessen Betrieb seit 21 Jahren besteht. Er entwickelte seine Website mit «Jimdo», einer Plattform für Klein- und Kleinstbetriebe. Mit früheren – von Profis gebauten – Webauftritten hatte er wenig Erfolg. Meier ist überzeugt: Auch mit kleinem Budget könne man sich so positionieren. Reindenken müsse man sich aber schon, um die Website für die Suchmaschine zu optimieren. Diesen Zeitaufwand verbucht er allerdings als Freizeit.

Eignung des Angebots überprüfen

Die Beispiele zeigen: Ein Patentrezept gibt es nicht. Ob der Schreiner im Online-Handel Erfolg haben kann, hängt von diversen Faktoren ab. Es lohnt sich zu prüfen, welche Leistungen via Webshop oder über einschlägige Plattformen bessere Verkaufschancen haben. Der Zimmermann Andreas Stadelmann und Roland Kolb von der Schreinerei Holzwerk Graubünden sehen eine Marktlücke für ihre nachhaltige Möbelkollektion aus Restholz. Dafür haben sie den Webshop meine-moebel.ch eingerichtet. Doch es fehlt den beiden Vollzeitbeschäftigten an Zeit und Geld für eine optimale Verlinkung im Internet. Vielleicht wird das Angebot aber bald schon unter dem Suchbegriff «Nachhaltige Möbel» oder bei moebel.de zu finden sein.

www.goodform.chwww.roethlisberger.chwww.e-commerce-report.chwww.nww.atwww.ramonzangger.chwww.schreinerei-winterthur.chwww.meine-moebel.ch

MZ

Veröffentlichung: 23. Februar 2017 / Ausgabe 8/2017

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