Rückkehr auf höherem Niveau


Sauber und diskret fügt sich die Stahlbadewanne in die kubischen Formen aus Mineralwerkstoff ein.
Sauber und diskret fügt sich die Stahlbadewanne in die kubischen Formen aus Mineralwerkstoff ein.
Wertschöpfung. Das neue alte Betätigungsfeld Badezimmer hat einen Quantensprung erlebt, welcher Schreinern ermöglicht, ihren Kunden ein komplettes, auf sie abgestimmtes Wohnen anzubieten. Mineralwerkstoffe spielen dabei eine sehr zentrale Rolle, fordern aber auch.
Vor über hundert Jahren war es ganz normal, dass der Schreiner das Badezimmer, oder was es Entsprechendes gab, ausstattete. Dann, mit der vermehrten Verwendung keramischer Produkte im ganzen Raum, wurde es still in diesem Bereich. Spiegel- und Unterschränke wurden vor allem industriell hergestellt und betrafen eine Schreinerei höchstens noch am Rande.
Mit dem Aufkommen von Mineralwerkstoffen hat sich einiges geändert. Man benötigt Schreinerwerkzeuge und -maschinen, um diese Platten bearbeiten und verformen zu können. Der Schreiner bekam somit ein geeignetes Material, um selbst Lavabos und Badewannen herstellen zu können. Heute kann er somit ausser der Toilettenanlage wirklich alles in diesem Raum selber und vor allem individuell fertigen, was sein Einsatzgebiet recht ansprechend erweitert. Zudem sind Holz und Holzwerkstoffe in diesem Bereich wieder äusserst gefragt, denn auch das Badezimmer wird mittlerweile als Wohnbereich angesehen.
Im Gegensatz zu Produkten aus Email oder Keramik fühlt sich ein Mineralwerkstoff warm an, was gerade in einem Raum, in dem man doch etwas empfindlicher auf Berührungen reagiert, gut zu der Haptik von Holz passt. Zudem sind Eigenprodukte, die ja nicht schon den Weg über mehrere Zwischenhändler genommen haben, bezüglich ihrer Kosten durchaus konkurrenzfähig.
Obwohl das heutige Fachwissen und moderne Oberflächenbehandlungen durchaus die Verwendung sogar von Massivholz für Waschbecken und Badewannen zulassen (s. SZ 44/2016, «Holz im Bad»), bevorzugen viele Endkunden garantiert wasserdichte und pflegeleichte Produkte. Andere Materialien benötigen aber bei der Verarbeitung auch immer etwas andere Vorgehensweisen und natürlich wie beim Holz ein Spezialwissen. Nicht jeder Schreiner will oder kann sich darin vertiefen. Es macht also durchaus Sinn, sich geeignete Partner zu suchen, die das eigene Können ergänzen und so eine hohe eigene Wertschöpfung ermöglichen. Denn Wertschöpfung hat damit zu tun, mit den laufenden Aufträgen die eigenen Kapazitäten auszuschöpfen und dabei Gewinn zu erzielen. Das gelingt nur, wenn man möglichst viel im eigenen Spezialgebiet tut. Zusammenarbeit ist aber eine Vertrauenssache, denn man möchte ja nur einen Teilbereich eines Auftrages weiter-geben und nicht gleich den Kunden.
Typisch für diese Art der Zusammenarbeit ist sicher auch die St. Galler Keller Züberwangen AG, deren Betriebsleiter Georg Seiz ist. Der Betrieb beliefert einerseits als Schreinerei eigene Endkunden und bedient mit ihrer Mineralstoffverarbeitung andere Betriebe. Badezimmerkomponenten werden in Züberwangen oft hergestellt, und so hat sich der Betrieb eine entsprechende Normierung aufgebaut, die hilft, wie bei Küchen rationell vorzugehen. Georg Seiz sieht in der Zusammenarbeit mit anderen Schreinern grosse Vorteile, denn so profitieren beide. Es braucht da auch keinen grossen Aufwand, denn beide Seiten sprechen die gleiche Sprache, was Sicherheiten schafft und für kurze Wege sorgt.
Die Ausstellung bei Keller Züberwangen AG wurde so angepasst, dass sie auch für die Kunden anderer Schreiner genutzt werden kann, die sich über Becken, Materialbeschaffenheiten und dergleichen informieren wollen. Die Beratung wird dann auch nur um diese Themen gehen, denn das Angebot kommt ja vom Partnerbetrieb. Der Kunde muss von Beginn an gut über die zu verwendenden Materialien und deren Pflege informiert werden, um sich dafür entscheiden zu können.
Wie eine Zusammenarbeit dann aussieht, ist so individuell wie die Kundenwünsche. Wichtig ist es doch immer, das Können und die terminlichen Möglichkeiten jedes einzelnen Partners optimal zu nutzen, um nicht bei jedem speziellen Bereich Lehrgeld zahlen zu müssen.
Sehr viele Endkunden wollen durchgehende Waschtische mit integrierten Becken und darunter einen Korpus aus Holz oder Holzwerkstoffen – diese Arbeitsaufteilung ist einfach. Vermehrt werden jedoch komplette Aussenverkleidungen aus Mineralwerkstoffen gewünscht – das erfordert dann schon etwas mehr Zusammenarbeit, damit die Komponenten dauerhaft zusammenpassen.
Wer eigene Becken, Duschen oder Badewannen herstellt, muss natürlich auch an die weiteren Anschlüsse denken. Wie bei einem Spiegelschrank am richtigen Ort der Stromanschluss sein muss, bedingt das beim Waschbecken die klare Definition der Armatur, des Ablaufventils sowie des Siphons. Wer plant, hat das nötige Wissen, gibt vor und sorgt dafür, dass die anderen Handwerker rechtzeitig und entsprechend informiert werden. Mineralwerkstoffe erlauben grosse, fugenlose Flächen. Auch wenn die Farbtreue der Platten immer besser geworden ist, verwendet Seiz dafür aber immer fortlaufende Platten der gleichen Fertigungscharge, um Farbdifferenzen auszuschlies-sen. Kunden, die extra etwas ganz Individuelles anfertigen lassen, sind natürlich auch etwas empfindlicher, was die perfekte Ausführung anbelangt.
Damit diese Fugen dann unsichtbar bleiben, ist es wichtig, die Bewegungen der Platte, wie auch die des Gebäudes, mit einzu- planen. Es kann Sinn machen, eine Duschkabine mit ein paar Millimetern Distanz zur Wand zu montieren, um mögliche Bewegungen zuzulassen und so die Fugen nicht unnötig zu belasten – auch ein Vorteil dieses Materials. Manchmal ist es zudem sinnvoll, wenn bei der Montage ein Spezialist mitkommt.
Toll ist, dass Mineralwerkstoffe thermisch verformt werden können. Das ermöglicht eine eigene Form von Duschtassen, aber Georg Seiz spricht auch von Sonderformaten bei Badewannen. Als reiner Zulieferer für Schreinereien befasst sich auch die Meyer AG in Ennetbürgen NW mit dem Fertigen individueller Formteile und Arbeiten aus Mineralwerkstoffen. Kleine Innenradien und dreidimensionale Formen sind eine Herausforderung und brauchen viel Erfahrung – sind aber möglich. Die Meyer AG fertigt zudem auch Formteile aus Holz, inklusive deren CNC-Bearbeitung, wodurch sich ein zusätzliches Feld an Kombinationsmöglichkeiten für den Schreiner auftut.
Gerade im Becken- oder Badewannenbereich gibt es viele Halbfabrikate, die sich integrieren lassen, wie sie beispielsweise bei der Studer Handels AG angeboten werden. Interessant ist auch deren nur 3 mm dicke Mineralwerkstoffplatte, mit der durch Belegen auch leichte Möbeltüren realisiert werden können. Derartige Arbeitsplatten können sogar fertig belegt bezogen werden.
Bei allem Tatendrang und vielen neuen Ideen muss gerade der Schreiner bei Arbeiten im Badezimmer ganz besonders aufpassen: Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit einem anderen Schreiner mag noch mit geringem planerischen Aufwand zu machen sein. Auch die Vorarbeit mit den Angaben für den Elektriker und den Sanitär gehören natürlich zum üblichen Aufwand. Schreiner neigen aber dazu, auch noch mehr zu machen, und da wird es heikel. Da sie ja sowieso am Planen und Organisieren sind, wird so manches mit einbezogen, was eigentlich in den Bereich der Bauführung gehört und deshalb separat verrechnet werden müsste.
Aus dem Küchenbau ist sich so mancher Schreiner gewohnt, den Bau auch weitgehend selber zu organisieren, um selbst keinen Leerlauf zu haben. Die vermeintlich hohe Gesamtsumme lässt das ihm und auch dem Kunden als gerechtfertigt erscheinen. Tatsächlich verschenkt er damit aber gerade einen Teil seiner Gerätemarge – und im Badezimmer sind nicht mal Geräte. Georg Seiz empfiehlt seinen Kollegen, diese zusätzlichen Aufwendungen sehr früh zu kommunizieren und als Dienstleistung anzubieten. Damit fährt der Kunde dann immer noch viel günstiger, als wenn beispielsweise ein Architekt beigezogen wird. Als sehr heikel betrachtet er Situationen, bei denen Kunden selber die Leitung über- nehmen und dann dauernd nachfragen. Unterstützung bietet auch das VSSM-Praxismerkblatt «Planungs- und Projektierungsleistungen für Schreinerarbeiten».
Badezimmer bieten beim heutigen Wissen und Können der Schreiner ein sehr grosses Potenzial an tollen und auch lukrativen Aufträgen, wenn die Energien gewinnbringend eingesetzt werden.
www.kellerzueberwangen.chwww.meyer-systeme.chwww.studerhandels.chVeröffentlichung: 15. Juni 2017 / Ausgabe 24/2017
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