Macher am Ende der Welt


Gefragter Mann in seiner Region: Schreiner Martin Bürgin auf der Riederalp. Bild: Fabrice Müller
Gefragter Mann in seiner Region: Schreiner Martin Bürgin auf der Riederalp. Bild: Fabrice Müller
Abgelegene schreinereien. Sie liegen nicht nur abseits der grossen Zentren, sondern zum Teil auch in luftigen Höhen. Wie kommen abgelegene Schreinereien an Aufträge und Mitarbeitende? Ein Augenschein in Feldis, im Diemtigtal und auf der Riederalp.
Gäbe es einen Preis für die Schreinerei mit der schönsten Aussicht in der Schweiz, Martin Bürgins Betrieb würde mit grosser Sicherheit auf dem obersten Podestplatz landen. Denn es gibt hierzulande wohl kaum eine andere Schreinerei mit direkter Aussicht aufs Matterhorn, den Dom und weitere Viertausender der Walliser Alpen.
Doch auch sonst ist in der Schreinerei auf der Riederalp so manches ein wenig anders. Gerade mal fünf auf sechs Meter gross ist der Raum, in dem der Schreiner wirkt. In der Mitte die Fräs- und Zuschnittmaschine, darum herum Regale und Fächer mit Schrauben, Beschlägen und Leim. «Zeit zum Aufräumen habe ich im Winter», witzelt der 45-Jährige, der gerade ein Kopfteil aus Buchenholz für das Bett einer Ferienwohnung baut.
Gleich neben der kleinen Werkstatt befindet sich der Stall des Hauseigentümers mit Ponys und Hühnern. Vor Bürgins Werkstatt wartet kein multifunktionaler Benziner auf den nächsten Einsatz, sondern ein Elektrofahrzeug mit offener Ladefläche. Im Winter ist Bürgin mit dem Schneetöff unterwegs, den er bei Bedarf mit einem Anhänger mit obligatem Schreiner-Logo ergänzen kann. Oder er fährt direkt mit den Skiern zu seinen Kunden. Die Seilbahn von Mörel auf die Riederalp ist der Lebensnerv dieses Ferienortes auf 1925 Metern über Meer. Auch für Martin Bürgin. Alles, was er für seine Arbeiten an Materialien benötigt, wird mit der Seilbahn transportiert. In der Bergstation belegt er einen kleinen Holzlagerraum, wo manches zwischengelagert wird, bevor es in der Werkstatt landet.
Wer noch vor 15 Jahren als Tourist ins graubündnerische Feldis wollte, war ebenfalls auf die Seilbahn angewiesen. Zwar gab es schon damals eine Strassenverbindung ins 100-Seelen-Dorf auf 1500 Metern über Meer, doch die war für nicht ortskundige und bergunerfahrene Autofahrer eine ziemliche Herausforderung. 2001 wurde die Zufahrtsstrasse ausgebaut. Dies kommt nicht nur den Touristen entgegen, auch die Einheimischen und insbesondere Gewerbebetriebe wie etwa die Schreinerei von Gion Barandun profitieren vom Anschluss an die «Aussenwelt». «Früher mussten wir unser Material unten im Tal bei den Lieferanten holen, weil kein Lastwagen die steile Strasse ins Dorf hochkam», erinnert sich der Schreinermeister, der den väterlichen Betrieb vor 29 Jahren übernommen hatte. Um nicht wegen jeder Schraube ins Tal zu fahren, legte sich Gion Barandun ein grosses Lager an Hölzern und Beschlägen an. Mittlerweile fahren die Lieferanten bis vor die Werkstatttür.
Vor dem Bau der neuen Zufahrtsstrasse nach Feldis war Barandun vor allem auf Aufträge aus Feldis angewiesen. Einheimische wie auch Ferienhauseigentümer gaben ihm Arbeiten für Renovationen und Innenausbauten. Das machen sie auch heute noch. Bis in die 90er-Jahre beschäftigte der Betrieb sogar drei bis vier Zimmermänner, die ganze Chalets errichteten. Inzwischen wagen sich auch Konkurrenzbetriebe auf die Sonnenterrasse, nicht nur aus dem Kanton, manchmal sogar aus Österreich. Der Schreinermeister konzentrierte sich von da an auf seine Kernkompetenzen.
Längst arbeitet Gion Barandun aber nicht mehr nur für seine Kunden in Feldis. Aus Heinzenberg und dem Domleschg erhält er ebenso Aufträge. Anstelle von Werbung setzt er vor allem auf Empfehlungen seiner Kunden. Mitbieten bei Offertausschreibungen von Architekten und öffentlichen Bauten komme für ihn nur selten in Frage. Der Preisdruck durch Grossbetriebe sei für ihn zu hoch. Auch rechne sich der lange Zufahrtsweg runter ins Tal oftmals nicht, vor allem im Winter. Über mangelnde Arbeit kann sich Gion Barandun trotzdem nicht beklagen. Besonders im Herbst herrscht in seiner Schreinerei Hochbetrieb.
Auch auf der Riederalp hat Martin Bürgin im Sommer und Herbst Hochsaison: Seine Frau und er verwalten und betreuen gegen 50 Ferienwohnungen auf der Riederalp. Dort fallen Reparaturarbeiten an, Bürgin baut aber auch Küchen nach Mass ein, verhilft alten Möbeln zu neuem Glanz oder verlegt Parkettböden.
Manchmal gibt es auch Notfälle, wenn etwa nach einem Wasserschaden in einem Hotel kurz vor Silvester die Holzdecke ersetzt werden muss. Auf Werbung kann auch der gebürtige Fricktaler weitgehend verzichten. Als einziger Schreiner auf der Riederalp – und das seit 1998 – lebt er vom Empfehlungsmarketing.
Die Abgeschiedenheit ist aber nicht nur der Logistik wegen eine Herausforderung: Wie kann sich eine abgelegene Schreinerei gegenüber der städtischen Konkurrenz behaupten und zu Aufträgen kommen? Im beschaulichen Diemtigtal, genauer gesagt in Schwenden BE, hat sich die Schreinerei Wüthrich auf den Fensterbau und die Renovation von schützenswerten Häusern spezialisiert. Sie arbeitet eng mit der Denkmalpflege zusammen, wenn es zum Beispiel darum geht, historische Fenster zu erneuern oder die traditionellen Simmentaler Häuser zu renovieren.
«Der Fensterbau ist für uns ein wichtiges Standbein, das bis zu 50 Prozent des Auftragsvolumens ausmacht», sagt Mitinhaber und Schreinermeister Roland Wüthrich. Die Kundschaft besteht grösstenteils aus Privatkunden. Zu vielen pflegt das Team der Schreinerei seit Jahren persönliche Kontakte. Man kennt sich. «Wir profitieren vom guten Ruf unseres Unternehmens wie auch von der guten Verankerung in der Bevölkerung», ist Wüthrich überzeugt. Dank der Mund-zu-Ohr-Propaganda kommt der Betrieb aber immer auch zu Aufträgen ausserhalb des Diemtigtals.
Die Mitarbeiter und Lernenden von Roland Wüthrich stammen fast alle aus dem Diemtigtal. Ausserhalb nach Fachkräften und Nachwuchs zu suchen, sei schwierig. «Wer nicht im Tal wohnt, will meist nicht den langen Weg zu uns auf sich nehmen», sagt Roland Wüthrich. Deshalb setze der Betrieb stark auf die Lehrlingsausbildung. Mit vier Lernenden auf sechs angestellte Schreiner beschäftigt die Werkstatt überdurchschnittlich viele Jugendliche. Nach der Lehre haben diese nicht selten die Aussicht auf eine Anstellung im Lehrbetrieb.
Über einen Standortwechsel hat sich Gion Barandun vor dem Bau der neuen Strasse nach Feldis öfters Gedanken gemacht. Mit der guten Verbindung runter ins Tal sei das jetzt jedoch kein Thema mehr. Ähnlich tönt es aus dem Diemtigtal, wo Roland Wüthrich den abgelegenen Standort seiner Schreinerei nicht als Nachteil empfindet. «Unser Betrieb ist stetig gewachsen, so auch unsere Liegenschaft, die sich in der Landwirtschaftszone befindet. Ein Verkauf des Gebäudes wäre demnach eher schwierig.» Auch Wahlwalliser Bürgin kann sich einen Wechsel ins Flachland nicht vorstellen. Zu attraktiv ist die Lage auf der Sonnenterrasse mit Blick aufs «Horu».
www.riederalp-ferienwohnungen.chwww.schreinerei-barandun.chwww.wuethrich-diemtigtal.chVeröffentlichung: 27. Oktober 2016 / Ausgabe 43/2016
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