Gutes Gefühl in jeder Faser

Den Platten sieht man nicht an, woher das Holz stammt, aus dem sie sind. Die Hersteller gehen mit den Informationen dazu recht unterschiedlich um. Bild: Pfleiderer AG

Holzwerkstoffe.  Woher kommt das Holz in der Spanplatte, bei welcher die eine aussieht wie die andere? Viele Holzwerkstoffhersteller sind weltweit tätig, geben aber nur wenig preis, woher Späne und Fasern in den Holzwerkstoffen stammen, die wir täglich kaufen, verarbeiten und anbieten.

Man staunt nicht schlecht: Auf der Internetseite der Obrist interior AG erfährt der Besucher ganz genau, woher das Holz in den Materialien stammt, welche von dem international tätigen Unternehmen im Laden- und Innenausbau verarbeitet werden.

Nicht nur höchste Qualität bei der Planung, der Gestaltung, der Fertigung und der Montage wolle man verkörpern, sondern dies mit «einem vernünftigen Einsatz an Ressourcen» verbinden. «Unsere Handlungen sind von Nachhaltigkeit und einem sinnvollen Verhältnis zwischen Ökonomie und Ökologie geprägt», schreibt das Unternehmen. Ein mustergültiges Beispiel für Transparenz und Glaubwürdigkeit unternehmerischen Handelns, denn der Kunde weiss genau, dass die Balsa-Mittellage der Leichtbauplatte aus Ecuador und das Buchensperrholz aus Frankreich stammt. Und das stellt auf jeder Produktionsebene eher die Ausnahme dar. Woher das Holz in den Materialien stammt, ist weder für den Kunden noch für den Schreiner und oft wohl auch nicht für den Handel einfach zu erfahren. Nicht jeder Hersteller von Holzwerkstoffen lässt sich hierbei so einfach in die Karten schauen.

Kleine Späne auf grosser Fahrt

Als Schreiner kennt man seine Lieferanten gut – und weiss, welche Produkte der verschiedenen Hersteller funktionieren und welche vielleicht etwas weniger geeignet sind. Sei es wegen des Preises oder der Qualität. Aber wie, woher und aus welchem Holz die Werkstoffe erzeugt wurden, Hand aufs Herz, das bleibt weitgehend im Verborgenen und ausserdem kann man sich als Verarbeiter wohl kaum darum auch noch kümmern. Der Handel bezieht seine Holzwerkstoffe mit klar definierten Eigenschaften, Qualitäten und Preisen von Herstellern, die in der Regel mehrere Produktionsstätten in Europa, dem Nahen Osten und manchmal auch rund um die Welt herum betreiben.

Ob die eine Charge Spanplatten nun aus dem Werk in Österreich, der Ukraine oder doch aus Sibirien stammt, bleibt oft im Verborgenen. Dabei wäre dies eine wertvolle Information, wollte man so klar sein wie die Obrist interior AG. Denn angenommen, für ein Objekt mit Einsatz von Holzwerkstoffen aus heimischer Produktion werden 1000 kg Kohlendioxid freigesetzt. Dann hat man bei einem Transportweg von 2000 Kilometern, wie etwa von Skandinavien, schon die zehnfache Menge davon. Kommt der Holzwerkstoff aus Sibirien, landet man beim CO2-Ausstoss schon beim Faktor dreissig. Da aber Transportwege für Hersteller enorme Kosten darstellen, siedeln sich Produktionsstätten dort an, wo der Rohstoff verfügbar ist, um weite Wege zu vermeiden. Das muss aber nicht gleichbedeutend sein mit den zurückgelegten Distanzen zu den aktuell möglichen Absatzmärkten für die Produkte, denn grosse Einheiten mit leichtem Rohstoffzugang senken die Kosten. Wenn aber die angedachten Absatzmärkte ins Stocken geraten, kann es zum Beispiel besser sein, die russischen Spanplatten nach Europa zu schaffen, als gar keinen Absatz realisieren zu können. «Es wird schon viel hin und her gekarrt», bestätigt ein Schweizer Branchenkenner, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Die eidgenössische Aussenhandelsstatistik zeigt kaum Direktimporte aus fernen Ländern bei Span- oder Faserplatten. Möglich ist allerdings, dass solche Platten über Transitländer wie Polen oder Deutschland die Schweiz erreichen und dadurch der Ursprungsort der Produktion nicht mehr nachvollzogen werden kann. Freilich müssen solche Platten ebenfalls den gesetzlichen Anforderungen genügen. Etwas anders sieht es bei der Qualität aus. Oft sind die einzelnen Werke als eigenständige unternehmerische Einheiten geführt und damit auch selbst verantwortlich für eine Qualitätszertifizierung, etwa nach dem ISO-Standard. Insofern kann es durchaus relevant sein zu wissen, wo die einzelne Platte produziert wurde. Zumal in der Branche zu vernehmen ist, das die Standards in der Realität international auch unterschiedlich interpretiert würden.

Die amtliche Statistik zeigt wenig Schwankungen bei den Warenströmen für die Holzwerkstoffe. In die Schweiz importiert werden etwa 100 000 Tonnen Spanplatten pro Jahr. Diese kommen zu je gut 40 % aus Deutschland und Österreich. 10 % stammen aus Frankreich, der Rest verteilt sich auf mehrere Länder, die aber keine nennenswerten Grössenanteile haben. Dazu kommen jährlich noch etwa 50 000 Tonnen an OSB-Platten.

Späne und Fasern in der Schweiz

Die wenigen Hersteller von Holzwerkstoffen in der Schweiz geben bereitwillig Auskunft über die Quellen ihrer Rohstoffe. «Unser Holz stammt aus der Schweiz und den grenznahen Gebieten in Deutschland und Frankreich. Aktuell liegen wir bei knapp 80 % Schweizer Holz», erklärt Beni Isenegger von der im puls GmbH, beratendes Unternehmen für die Kronospan Schweiz AG.

70 % entfällt dabei auf Waldholz, 30 % sind Resthölzer wie Schwarten, Spreissel, Sägemehl und Hackschnitzel. «Wir würden gerne ausschliesslich Schweizer Holz einsetzen, müssen aber teilweise ins Ausland ausweichen, weil die klassischen Industrieholzsortimente heute vom Wald oftmals gar nicht mehr zur Verfügung gestellt werden. Dies aufgrund der Energieholzkonkurrenz, welche dieselben Sortimente umwirbt und aufgrund diverser Subventionsmöglichkeiten auf Bundes- und Kantonsebene höhere Preise erzielen kann», so Isenegger. Auch der Markt für Resthölzer ist grenzüberschreitend. Die weichen Holzfaserplatten der Pavatex AG werden in Cham nur etwa zur Hälfte aus Schweizer Holz gefertigt. «90 % des importierten Rohstoffes kommt aus Deutschland, 10 % aus Frankreich», erklärt Martin Anker, Direktor Logistik im Unternehmen. Der Anteil an Rundholz sei dabei minimal. Zu 95 % würden die Platten aus Resthölzern hergestellt. Für Anker ist Schweizer Holz zwar wichtig, jedoch schauten die Kunden primär auf die Qualität und den Preis. Erst danach auf die Herkunft des Produktes.

In der Sperrholzfabrik Hess & Co AG kann man mit dem Herkunftslabel Schweizer Holz auszeichnen. «Etwa 85 bis 90 % des Laub- und Nadelholzes beziehen wir in der Schweiz», sagt Daniel Hess vom Unternehmen, das aber insgesamt nur für einen kleinen Teil des Sperrholzverbrauchs in der Schweiz steht. «Viel Sperrholz wird importiert. Solches aus Birke kommt aus den baltischen Staaten, Finnland und Russland. Sofern nicht von uns produziert, stammt Buchensperrholz aus den osteuropäischen Staaten», so Hess.

Woher das Holz der Spanplatten kommt

Mengenmässig bedeutsam sind aber vor allem Schweizer Importe von Span- und OSB-Platten. Ein wichtiger Akteur ist dabei die Fritz Egger GmbH & Co. aus Österreich. «Im dekorativen Bereich kommen die Platten bis zu 95 % aus dem Werk in St. Johann in Tirol. Dabei handelt es sich um Spanplatten und weiter veredelte Platten. Gegen 5% der Platten kommen aus dem Werk im deutschen Brilon, wo MDF-Platten hergestellt werden. Weitere 5 % der dekorativen Produkte für die Schweiz kommen aus dem französischen Rambervillers», erläutert Roland Zbinden von der Egger Holzwerkstoffe Schweiz GmbH. OSB-Platten und Fussbodenprodukte für den Schweizer Markt liefert Egger aus dem deutschen Werk in Wismar. Schichtstoffe kommen von der Produktionsstätte im norddeutschen Gifhorn. Mit diesen Informationen und einem Holzherkunftsdokument, das man auf der Internetseite des Holzwerkstoffherstellers findet, kann jedermann exakt nachvollziehen, woher die Späne und Fasern der in der Schweiz verkauften Platten stammen. Auf 13 Seiten findet der Interessierte darin detaillierte Angaben über den Ursprung des Rohstoffes und auch Informationen dazu, welche Holzarten eingesetzt werden. So kann man leicht ablesen, dass die in der Schweiz vertriebenen Egger-Spanplatten in St. Johann aus Spänen produziert werden, die zu 76 % aus Österreich, 15 % aus Deutschland, 4 % aus Ungarn und 2 % aus Slowenien stammen. Holz aus der Schweiz, Tschechien und Italien ist mit je 1 % daran beteiligt.

Sofern eine Holzart mit mehr als 3 % in den Produkten enthalten ist, kann man sodann nachlesen, um welche es sich handelt. Eine ähnliche Transparenz oder Informationen darüber, woher das Holz in welchem Produkt stammt, sucht man bei manch anderem international agierenden Holzwerkstoffhersteller oft vergeblich. «Egger geniesst eine hohe Glaubwürdigkeit, auch wegen dieser Transparenz», so Zbinden.

www.obrist-interior.chwww.kronospan.chwww.pavatex.chwww.hessco.chwww.egger.ch

ch

Veröffentlichung: 11. Juni 2015 / Ausgabe 24/2015

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