Erfolgreich trotz allem

Bevor Robert Mayer (l.) selbstständiger Schreiner wurde, durchlief er mehrere berufliche Stationen. Bild: Aus «Meine Abenteuer» von Robert Mayer

SCHREINERN ANNO DAZUMAL.  Der Ostschweizer Schreiner Robert Mayer war früh Vollwaise und hatte eine schwere Kindheit. Hinzu kam, dass sein Berufseinstieg in die Wirtschaftskrise der 1930er- Jahre fiel. Doch Mayer konnte damit umgehen und avancierte zum erfolgreichen Unternehmer.

Robert Mayer, Sohn eines Ravensburger Einwanderers und Bahnangestellten, startete 1911 mit denkbar schlechten Chancen ins Leben. Schon sehr früh wurde der Junge Vollwaise. Der Vater kam 1914 im Krieg um, die Mutter starb 1918. Robert Mayer erlebte karge Jahre im Waisenhaus im st. gallischen Wil. Sein bisweilen abenteuerliches Leben dokumentierte er ausführlich mit Texten – nicht selbstverständlich für einen Schreiner. 2005 ist ein Buch erschienen.

Waisenhäuser sind in den letzten Jahren ins Gerede gekommen und geniessen keinen guten Ruf. Ob privat, kirchlich oder behördlich geführt, in beinahe sämtlichen Institutionen litten die Kinder sehr stark unter Demütigungen, Schlägen, Strafen, harter Arbeit, schaler Kost und manchmal sogar unter sexuellen Übergriffen der Angestellten und Heimleiter. Schon früh kritisierten ehemalige Insassen wie der unangepasste, angefeindete Berner Journalist, Publizist und «Philosoph von Bümpliz», Carl Albert Loosli (1877 bis 1959), die unhaltbaren Zustände und die teilweise sadistisch veranlagten Heimleiter.

Doch nicht nur das Personal, sondern auch die Kämpfe untereinander belasteten die Kinder schwer. Der brutalste oder der intriganteste Bub gab in der Regel den Ton an, Aussenseiter wurden von der Meute gequält. Und wie ihre Schicksalsgenossen, die sogenannten Verdingkinder, wurden auch die Heimkinder in der Schule von ihren Mitschülern gehänselt. So erstaunt es nicht, dass viele ehemalige Heimkinder am Leben scheiterten und, psychisch leidend, als Hilfsarbeiter oder Knechte ein bisweilen armseliges Leben fristen mussten.

Beten, putzen und schlecht essen

Auch Robert Mayer wusste ein Lied von den Zuständen im Wiler Waisenhaus zu erzählen. Tagwache war um sechs Uhr morgens. Nach dem gemeinsamen, im Knien verrichteten Morgengebet gab es das karge Frühstück. Dann hiess es, die anfallenden Arbeiten wie Putzen oder Geschirr-Abwaschen zu verrichten. Diese Arbeiten waren über den ganzen Tag verteilt, jedes Kind hatte sein Ämtli. Ein «Zvieribrot» nach der Schule gab es nicht. Das Essen war in Mayers Worten ohnehin «sehr, sehr bescheiden», namentlich in den Jahren nach 1918. Es bestand aus dünner Suppe, Wasserreis und verdünnter Milch. Dies änderte sich, als der Fensterfabrikant Gustav Schär Bürgergutsverwalter wurde und seine Frau, eine Baslerin, die Kinder besser bekochen liess. Manchmal hatten auch Stadtbewohner Mitleid und schenkten den älteren, stets hungrigen Buben ein «Wursträdli» oder eine Süssigkeit, wenn sie Kommissionen zu erledigen hatten.

Die knapp bemessene Freizeit nutzten die Kinder für Spiel und Spass, heckten so manchen Streich aus. Sie tummelten sich auf der Eisbahn, obwohl sie kein Geld besassen. Dafür kannten sie jedes Schlupfloch und entgingen somit den Kontrollen des Personals. Vom Vater eines Schulfreundes, einem Küfer, erhielt der sportliche Robert zwei alte Fassdauben, die er zu einem Paar Ski umfunktionierte. Schon früh zeigte sich das schreinerische Talent des Knaben: Vom Schultornister schnitt er die Tragriemen ab, um sie als Bindung zu verwenden: Not macht eben doch erfinderisch!

Harte Arbeit, fast ohne Pausen

Robert Mayer war ein guter, aufgeweckter Schüler. Die «Waisenhäusler» hielten zusammen wie Pech und Schwefel, liessen sich nicht jede Gemeinheit gefallen.

Nach der Schule arbeitete Mayer zuerst als Hausbursche in einer Tessiner Pension. Im Jahr 1928 begann der junge Mann eine Schreinerlehre in Wilen TG. Er wohnte in einem kleinen, kalten Dachzimmerchen. Die Arbeit war streng, Pausen gab es kaum, die Kost war wieder knapp bemessen. Doch Robert hielt durch und bestand die Lehrabschlussprüfung mit guten Noten.

Er machte auch im Vereinsleben mit, so im katholischen Jünglingsverein. Er liebte den erst kurz davor bekannt gewordenen, aus England gekommenen Fussball, «tschuttete» mit seinen Freunden auf einer abgemähten Wiese. Das Dorfleben von Wilen bot den Jungen damals nur wenig Abwechslung. Sie hatten kaum Geld im Sack. So war die Fasnacht ein Höhepunkt im Jahresablauf. Auch die von Geselligkeit geprägten Wallfahrten besuchte man gerne. Im Jahre 1931 absolvierte Robert Mayer die Rekrutenschule auf der Luziensteig GR.

Freude über den ersten Lohn

Seine erste Stelle fand der Schreinergeselle in Allschwil BL. Er freute sich ob seines Lohnes von 1.40 Franken pro Stunde, fühlte sich wie ein König, «war ich doch bisher wie ein Armehüsler durch die Welt gewandert». Nun ging er hin und wieder auswärts essen – auch Fleisch –, er gönnte sich manchmal ein Bier und kaufte sich ein Militärvelo. Damit radelte er zusammen mit seinem besten Freund bis nach Rom – und sah dort den Papst!

Doch waren während der Weltwirtschaftskrise in den «hungrigen» 1930er-Jahren offene Stellen rar, sodass sich der oft arbeitslose Mayer immer wieder in neuen Jobs zurechtfinden musste. Mit seinem Velo klapperte er dann Werkstatt für Werkstatt ab, er gab nie auf. Er war nicht heikel, arbeitete auch auf dem Bau und bei Zügelfirmen. Zudem besuchte er Weiterbildungskurse und übte sich in Einlegearbeiten.

Robert Mayers Leben glich in dieser Zeit jenem eines Wanderarbeiters. Besonders gefiel ihm die Arbeit als Skischreiner im Sportgeschäft Leonhard Kost in Basel. Die Skispitzen bestanden aus Eschen- und Hykorienholz. Mayer machte die von Kunden abgegebenen Skis wintertüchtig und präparierte die Oberflächen, bis sie wie neu aussahen. Er verdiente trotz der schwierigen Zeiten recht gut. Kein Wunder, dass sich der sportliche Typ auch selbst die Pisten hinunterstürzte. Dies tat er je nach Schneeverhältnissen im Jura oder im Schwarzwald.

Weg zum eigenen Unternehmen

Nach seiner Heirat mit der polnischstämmigen Klara kehrte Mayer im Jahr 1936 nach Wil zurück, wo er eine geregelte, sichere Arbeit in der psychiatrischen Klinik fand. Wie er meinte, hatte Gott sein stetiges Gebet auf seinen Wallfahrten erhört. Die Arbeit mit den Patienten gefiel Mayer sehr gut. Der Werkstoff Holz lag den Geplagten, die eine sinnvolle Arbeit verrichten konnten. Dabei war Fingerspitzengefühl seitens von Mayer gefragt, denn die Patienten waren manchmal schwierig.

Mayer beobachtete den Aufstieg des Faschismus sorgenvoll. Er stand den Ideen des Landesrings der Unabhängigen (LdU) nahe, interessierte sich auch für die Idee des «Schwundgeldes» des deutschen Kaufmanns Silvio Gesell, das die Arbeitslosigkeit bekämpfen sollte.

Während des Kriegs leistete Mayer als Korporal lange Zeit Aktivdienst. Er hatte Angst vor dem Krieg, war aber bereit, den Nazis mit allen Mitteln Widerstand zu leisten. Mayer engagierte sich auch sozial für notleidende Familien. Nach dem Krieg machte sich der unternehmungslustige, risikofreudige Schreiner selbstständig und baute ein eigenes Haus. Die Familie gedieh. Mayer hatte Freude an Velotouren durch die ganze Schweiz, konnte sich sogar Winterferien in Davos leisten. Er wurde alt, Grossvater, genoss seinen wohlverdienten Ruhestand. Aus dem Waisenhäusler war ein erfolgreicher, glücklicher, selbstbewusster Mann geworden.

Mayer, Robert: Meine Abenteuer.

2005, Christiana-Verlag, Stein am Rhein.

ISBN 978-3-7171-1111-5

FAB

Veröffentlichung: 22. September 2016 / Ausgabe 38/2016

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