Alter soll kein Nachteil sein


Ältere Schreiner, die ihre grosse Erfahrung ausspielen, haben vielen jüngeren Kollegen etwas voraus. Bild: Fotolia, wip-studio
Ältere Schreiner, die ihre grosse Erfahrung ausspielen, haben vielen jüngeren Kollegen etwas voraus. Bild: Fotolia, wip-studio
Erfahrung. Auf dem Stellenmarkt sind Arbeitskräfte ab 50 oft im Nachteil. Das ist in der Branche der Schreiner nicht anders. Die Erfahrung älterer Mitarbeiter wird zwar sehr geschätzt, doch der höhere Lohn und die Sozialleistungen gelten als Hemmschwelle für eine Anstellung. Zu Unrecht.
Seit fünf Jahren arbeitet Paul Jordi als Schreinermeister für die Kühni AG im bernischen Ramsei. Der 57-Jährige leitet die Türen- und Möbelproduktion mit insgesamt 15 Mitarbeitern. Seine Erfahrungen und seine Fähigkeiten als Schreiner werden im Betrieb sehr geschätzt. «Die Arbeit mit der EDV ist für uns ältere Mitarbeiter zwar komplexer als für junge, die automatisch mit der modernen Technologie aufwachsen», sagt Jordi. Aber: Als einer der Dienstältesten im Betrieb nimmt er gegenüber seinen jüngeren Kolleginnen und Kollegen eine Vorbildfunktion ein. Gleichzeitig schätzt er den Mix seines Teams mit Vertretern verschiedener Altersgruppen.
Auch Ulrich Kühni, Jordis Vorgesetzter, sieht lauter Vorteile: «Ältere Mitarbeitende bringen ein breites Spektrum an Erfahrungen und Fachkompetenzen in das Unternehmen ein.» Oft seien sie der ruhige Pol im Team. Sie überlegten zuerst, bevor sie handeln. Kühni schätzt zudem seine älteren Mitarbeiter als wichtige Firmenbotschafter im Umgang mit Kunden. «Diese schenken älteren Fachleuten oftmals mehr Vertrauen als jüngeren.»
Das Personal der Kühni AG wird gezielt geschult, wenn auf der fachlichen Ebene oder im Umgang mit modernen Technologien ein Manko besteht. Paul Jordi setzte sich zum Beispiel bereis vor Jahren mit CAD auseinander und bildete sich weiter. «Wir halten unsere Mitarbeiter an, sich auch selber über mögliche Weiterbildungen zu orientieren – unabhängig von ihrem Alter», sagt Kühni. Er beobachtet zum Beispiel, dass gerade bei der Arbeit mit CAD ältere Mitarbeiter gegenüber ihren jüngeren Kolleginnen und Kollegen im Nachteil sind. Dafür können sie ihre Fähigkeiten und Erfahrungen in Produktion und Montage einbringen.
Natürlich wägt auch Kühni diese Vorteile mit den höheren Löhnen, Sozialabgaben und längeren Ferien ab. Und er kommt zum Schluss: «Es braucht einen guten Altersmix. Deshalb beschäftigen wir nicht nur junge, sondern auch ältere Mitarbeiter.» Sein ältester Mitarbeiter ist 60 Jahre alt. Ein 51-jähriger Temporärangestellter soll zudem fest ins Team aufgenommen werden.
Die Chancen, im Alter von 50 Jahren nochmals eine Festanstellung zu erhalten, werden von Personalfachleuten generell als eher gering eingestuft. Das sei in der Schreinerbranche nicht anders, sagt Urs Scherer, Geschäftsführer der Unternehmensberatungsfirma Tre Innova Treuhand AG in Hünenberg ZG und gelernter Möbelschreiner. Laut Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) stieg die Zahl der gemeldeten Stellensuchenden im Alter zwischen 45 und 65 Jahren in den letzten drei Jahren um mehr als 10 000 Personen an. Im Herbst zählte das Seco 75 000 Stellensuchende über 45. Jährlich werden in diesem Segment zusätzlich 10 000 Personen ausgesteuert.
In der holzverarbeitenden Branche waren im letzten Oktober 812 Personen arbeitslos. Zur Branche zählen neben Bau-, Möbel- und sonstigen Schreinern auch Säger, Drechsler und Berufe der Kork-, Korb- und Flechtwarenherstellung. 199 der 812 Arbeitslosen sind 50 Jahre oder älter. Innerhalb des Schreinerberufs sehen die Zahlen wie folgt aus: 2015 waren 50 Bauschreiner, 17 Möbelschreiner und 115 «sonstige Schreiner» ab 50 Jahren stellenlos. Zum Vergleich: Im Oktober 2010 suchten 134 Schreinerinnen und Schreiner ab 50 eine neue Stelle.
Laut einer im Herbst 2014 veröffentlichten Seco-Studie zum Thema «Alter und Arbeitsmarkt» weist die Schweiz zwar eine hohe Beschäftigungsquote bei den älteren Personen aus. Dies im Vergleich zu anderen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).
Aber die Studie macht noch eine weitere interessante Feststellung: Wer im Alter zu den Langzeitarbeitslosen gehört, bleibt in der Schweiz eindeutig länger ohne Arbeit als in anderen OECD-Ländern.
Für Heidi Joos vom Verein «50plus outIn work Schweiz», einer Lobby-Organisation für ältere Erwerbslose, liegt einer der Gründe für die Benachteiligung der älteren Personen auf dem Arbeitsmarkt bei der Altersstaffelung des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG). «Die Älteren erscheinen den Arbeitgebern aufgrund der höheren BVG-Beiträge als zu teuer. Die meisten Job-Rekrutierungsfirmen haben daher das Limit für Neuanstellungen schon längst bei 40 Jahren festgelegt», sagt Joos.
Die Personenfreizügigkeit hat laut Joos das Problem der Älteren auf dem Arbeitsmarkt noch verschärft. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann hatte im Frühjahr 2015 aufgrund einer Motion alle Sozialpartner zur ersten Konferenz «Alter und Arbeitsmarkt» an einen runden Tisch geladen. Erste Massnahmen im Interesse einer besseren Integration der inländischen Arbeitnehmer wurden beschlossen.
Rund 30 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Bisang Schreinerei AG in Küssnacht SZ sind über 50 und seit Jahren angestellt. «Wir machen gute Erfahrungen mit ihnen und schätzen den Mix aus jüngeren und älteren Angestellten», sagt Geschäftsleiter Robert Auf der Maur.
Während die älteren Semester im Umgang mit dem Computer eher Mühe haben, machen sie dieses Manko durch Erfahrung und eine effiziente Arbeitsweise wieder wett. Zudem zeigen sie im Betrieb grossen Einsatz und sind daher wichtige Stützen für das Team. Trotzdem bevorzugt Robert Auf der Maur bei Neuanstellungen eher jüngere Mitarbeiter und zieht die eigenen Lernenden nach. «Die jüngeren Mitarbeiter gewöhnen sich meist besser an unsere Strukturen und Prozesse. Zudem spielt natürlich der Lohn eine Rolle», begründet er.
Das müsste laut Unternehmensberater Urs Scherer nicht sein. Er ist überzeugt: «Wenn alle Parteien etwas mehr Flexibilität – zum Beispiel bei Lohnfragen oder Weiterbildungen – zeigen würden, käme es zu mehr Anstellungen von älteren Mitarbeitenden.» Scherer sieht für Schreiner ab 50 etwa gute Chancen auf Sachbearbeiterstufe, in der Kalkulation, als Projektleiter oder im Verkauf, wo langjährige Erfahrung und Fachwissen besonders gefragt sind. Aber auch in der Produktion bestehe durchaus Bedarf an älteren Angestellten.
Um als Arbeitnehmer ab 50 einen neuen Job zu finden, braucht es viel Engagement und Durchhaltewillen bei der Stellensuche. Scherer empfiehlt zudem, offen zu sein für ein breites Aufgabengebiet. Mit Weiterbildungen lassen sich Wissenslücken füllen. So machen sich die älteren Mitarbeitenden fit für die Stellensuche. «Der Stellensuchende kann in einer Bewerbung auch darauf hinweisen, dass er bereit ist, im Vorfeld einer allfälligen Anstellung eine nötige Weiterbildung zu absolvieren», sagt Scherer. Arbeitslose, die beim RAV angemeldet sind, können bei einer Anstellung Einarbeitungszuschüsse von bis zu 60 Prozent des Lohnes im ersten und 40 Prozent im zweiten Jahr geltend machen. «So könnten Firmen, die ältere Mitarbeitende einstellen, massiv Kosten sparen. Nur werden viele von den RAV nicht rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht», sagt Heidi Joos.
Spielt die demografische Entwicklung, die eine Überalterung der Gesellschaft und somit auch der Arbeitswelt zur Folge hat, den älteren Mitarbeitenden in die Hand? «Es wird für die Unternehmen von wachsender Bedeutung sein, ältere Arbeitskräfte anzuziehen und zu behalten», steht in einem Untersuchungsbericht der Personalvermittlungsfirma Manpower mit dem Titel «Neue Strategien für den alternden Arbeitsmarkt», denn die ältere Bevölkerung stelle die grösste verfügbare und nicht ausgeschöpfte Ressource an Arbeitskräften dar.
Unternehmensberater Scherer stellt derzeit auf dem Stellenmarkt eine leichte Entlastung für ältere Arbeitnehmer fest. Zugleich seien die Unternehmen verunsichert, weil sich die künftige wirtschaftliche Entwicklung und Auftragslage schwer einschätzen lasse. Deshalb verhielten sich manche grundsätzlich zurückhaltend bei der Anstellung von neuen Mitarbeitern – Fachkräftemangel hin oder her. «Es dürfte noch fünf bis zehn Jahre dauern, bis die Chancen auf dem Markt für Menschen ab 50 besser werden», vermutet Scherer.
www.bisangag.chwww.kuehni.chwww.treinnova.chwww.50plusoutinwork.chwww.seco.admin.ch
Veröffentlichung: 14. Januar 2016 / Ausgabe 2/2016
Unternehmenstag. An über 80 Marktständen, verteilt über drei Etagen der Berner Fachhochschule (BFH) in Biel, hatten Studierende die Möglichkeit, unterschiedliche Unternehmen aus der Holzbranche kennenzulernen. Weitere Inputs erhielten sie an deren Kurzvorträgen.
mehrKreislaufwirtschaft. Wie gelingt es der Bauwirtschaft, den CO2-Ausstoss zu senken und damit ihren ökologischen Fussabdruck zu verkleinern? Weiterverwenden von Bauteilen und Rezyklieren von Baustoffen liefern Antworten, lautete der Tenor an der Tagung für zirkuläres Bauen in Biel.
mehrPaidPost. Die orangefarbenen Service-Busse von Schreiner 48 stehen im Dauereinsatz. Möglich ist das nur, dank dem Garagist Philipp Huber und seinem Team
mehr