Abschied und Neubeginn


Bild: Schreinerei Meier AG Mit 48 Jahren hat Urs Meier seine Schreinerei an die beiden Kader-mitarbeiter Benedikt Bucheli und Urs Fischer übergeben (v. l.).
Bild: Schreinerei Meier AG Mit 48 Jahren hat Urs Meier seine Schreinerei an die beiden Kader-mitarbeiter Benedikt Bucheli und Urs Fischer übergeben (v. l.).
Nachfolgeregelung. Wer seinen Betrieb frühzeitig an die nächste Generation übergibt, hat die Chance, nochmals etwas Neues zu beginnen. Um dabei finanziell abgesichert zu bleiben, lohnt es sich, die persönliche und die berufliche Vorsorge zu prüfen und wo nötig aufzustocken.
48 Jahre alt war Urs Meier, als er die Schreinerei Meier AG im luzernischen Zell an zwei langjährige Mitarbeiter verkaufte. «Vor 50 aufzuhören und nochmals etwas Neues zu beginnen, das war schon länger mein Plan», erzählt Meier. Denn bereits mit 22 Jahren musste er den Betrieb von seinem verstorbenen Vater übernehmen. Unter seiner Leitung ist die damals fünfköpfige Belegschaft auf 30 Festangestellte gewachsen. Trotz der strukturschwachen Region gelang es dem Fensterbauer, sich auf dem Markt mit Nischenprodukten zu positionieren.
Meier arbeitet gern. Aber er hat in seinem Umfeld erlebt, wie andere Unternehmer mit zunehmendem Alter müde oder gar krank wurden und daraufhin nötige Innovationen im Betrieb ausblieben. 2012 war aus seiner Sicht ein guter Zeitpunkt, das Unternehmen an die nächste Generation zu übergeben. Der Betrieb war gut aufgestellt und die Wirtschaftslage stabil.
Meier hatte seine Hausaufgaben bereits gemacht: Die Abläufe im Betrieb waren geregelt, das Tagesgeschäft lief auch ohne sein Mitwirken. Als Zeller Gemeindepräsident und Präsident der Luzerner Schreiner war Meier auch vorher schon oft auswärts unterwegs. Sechs Jahre vor der geplanten Übergabe hatte er die strukturellen Änderungen eingeleitet. Die Schreinerei Meier AG wurde aufgesplittet, um den Schreinereibetrieb aus einer Holding steueroptimiert verkaufen zu können. «Statt viel Steuern zu zahlen, wollte ich meinen Nachfolgern lieber einen fairen Preis machen können», erklärt der frühere Inhaber. Diese Struktur erlaubte es, die Schreinerei zu verschlanken und schrittweise Kapital der Holding zuzuführen. Ebenfalls Jahre zuvor hatte Meier damit begonnen, seine Pensionskasse aufzustocken und in die persönliche Vorsorge investiert.
Ein Unternehmer durchläuft mehrere Phasen; man übernimmt einen Betrieb und baut diesen stetig auf. Wird dann Geld verdient, reinvestieren dieses viele Inhaber wieder in das Unternehmen. Die wenigsten 40-Jährigen haben bereits die Altersvorsorge im Fokus, und nicht immer kann diese so langfristig geplant werden wie im Fall von Meier. Dann lohnt es sich, die Möglichkeiten einer Nachzahlung zu prüfen – und in den meisten Fällen einen Experten hinzuzuziehen. Tony Z’graggen, Vorsorgespezialist bei der Treuhandgesellschaft Mattig- Suter und Partner in Altdorf UR, empfiehlt, als Erstes eine Auslegeordnung zu machen: Wie viel Vermögen besitze ich privat? Wie viel brauche ich? Und wie kann das Geld vom Unternehmen in das private Vermögen transferiert werden?
Wer es vernachlässigt hat, während des aktiven Erwerbslebens ausreichend für die Pension vorzusorgen, kann diese Zahlung nachholen, solange er erwerbstätig ist. Die Höhe dieser Nachzahlungen ist von zwei Faktoren abhängig: vom aktuellen Lohn und vom gewählten Pensionskassenmodell. Beabsichtigt man die Einkaufssumme zu erhöhen, sollte man beides – den ausbezahlten Lohn und das Pensionskassenmodell – auf eine Anpassung prüfen.
Entscheidet man, sich in die Pensionskasse einzukaufen, kann zudem von Steuerprivilegien profitiert werden. Dazu macht der Vorsorgeexperte Z’graggen ein Beispiel: Ein Unternehmer plant, 200 000 Franken aus dem Betrieb in die persönliche, berufliche Vorsorge (BVG) einzuzahlen, dafür schüttet dieser 200 000 Franken Dividenden aus.
Dividenden sind steuerlich privilegiert und werden nur zu durchschnittlich 60 Prozent – das variiert je nach Kanton – versteuert. In der Steuererklärung gibt der Unternehmer also 120 000 Franken an, zuzüglich seines Lohns von 100 000 Franken addiert sich der Betrag auf 220 000 Franken. Wie geplant, überweist der Unternehmer davon 200 000 in die BVG – was vollumfänglich von den Steuern abgezogen werden kann. Übrig bleibt nur noch ein zu versteuerndes Einkommen von 20 000 Franken.
Bevor grosse Summen transferiert werden, sollte sich jeder Unternehmer überlegen, wer ausser ihm von dieser Vorsorge profitieren soll. Im Todesfall werden die Beträge in der Pensionskasse den Hinterbliebenen – dem Ehepartner und den Kindern – als Rente ausbezahlt. Wenn die versicherte Person aber keine rentenberechtigten Personen hinterlässt, ist es abhängig vom gewählten Modell, ob weitere Personen wie Konkubinatspaare oder erwachsene Nachkommen das Guthaben ausbezahlt erhalten. Auch andere Anlagen, Aktien oder Liegenschaften, können eine Alternative sein.Doch für welches Modell man sich schliesslich auch entscheidet, Z’graggen ist überzeugt: «Wenn für den eigenen Ruhestand vorgesorgt und die Rente für den Lebenspartner gesichert ist, dann macht man sich unabhängig vom Wert des Unternehmens – und kann bei der Wahl des Nachfolgers Kompetenz dem Kapital vorziehen.» Die Wunschkandidaten für die Nachfolgerschaft standen für Meier von Anfang an fest: Urs Fischer, technischer Leiter und damals bereits sein Stellvertreter, und Benedikt Bucheli, ebenfalls Kadermitarbeiter im Betrieb. In einer Klausur besprachen sich die drei: Wie sollte die Zukunft aussehen, die Aufgaben verteilt und die Finanzierung gestemmt werden? Der Preis sollte für die beiden jungen Nachfolger tragbar sein, dem Inhaber aber auch finanzielle Sicherheit bieten. Die neu geschaffene Firmenstruktur erlaubte es, nur die Schreinerei zu verkaufen, während die Immobilien weiterhin im Besitz von Meier blieben.
Mit der Übergabe im Juni 2012 ging die Schreinerei an Fischer und Bucheli über. Meier blieb in den ersten Jahren als strategischer Berater im Verwaltungsrat. «Wichtig war mir, dass bei der Betriebsübergabe Wissen und Beziehungen nicht verloren gehen», sagt Urs Meier. Das Kunststück gelang der Schreinerei Meier AG. Mitarbeitende, Partner und Kunden blieben erhalten, und die neue Geschäftsleitung kann sich auch heute – sieben Jahre später – nach wie vor als Fensterspezialist behaupten.
Und Urs Meier? Nach seinem Abschied bei der Schreinerei Meier AG hat sich der heute 55-Jährige erst mal ein Jahr Zeit genommen – für Reisen, Sprachkurse und um sich neu zu orientieren. Zurück im Luzerner Hinterland, gründete er gemeinsam mit seiner Frau Astrid Bossert die Meierbossert AG. Seine Leidenschaft für Geschichte und historische Bauten bewegte ihn dazu, eine mehrjährige, berufsbegleitende Ausbildung in Angriff zu nehmen und diese mit dem Master in Denkmalpflege und Umnutzung abzuschliessen.
Meier bietet heute Unternehmensberatungen an, berät andere Bauleute zum Thema Denkmalschutz, amtet in der Schreinerbranche als Experte. Und er ist zu seinen Wurzeln als Schreiner zurückgekehrt: Er restauriert derzeit ein altes, barockes Haus. Ohne den Druck von aussen arbeite er allerdings weniger effizient als in seiner früheren Position, gibt er zu. Mehr Selbstdisziplin sei gefordert. Und statt Aufgaben zu delegieren, macht er heute alles selber. «Zum Beispiel kümmerte sich früher eine Sekretärin um die Powerpoint-Präsentation
– das musste ich mir erst mal beibringen», sagt er und lacht. Auch an die neue Rolle habe er sich gewöhnen müssen. Denn gesellschaftlich büsst man mit diesem Schritt an Ansehen ein. Trotzdem ist für Meier klar: «Ich würde es wieder tun. Die Freiheiten, die ich gewonnen habe, bedeuten für mich Lebensqualität.»
Der eigene Betrieb steht bei vielen Unternehmern lange im Fokus. Statt sich die Gewinne auszubezahlen, wird das Geld in den Betrieb reinvestiert. Doch spätestens ab 50 sollte ein Inhaber auch die persönliche Situation überdenken, um sich rechtzeitig finanziell vom Unternehmen unabhängig zu machen. Denn wenn das Geld in der Pensionskasse fehlt, bestimmt der Verkaufspreis des Unternehmens über den zukünftigen Lebensstandard.
Tony Z’graggen macht deutlich: «Der Wert vom Unternehmen hängt nicht von den eigenen Bedürfnissen ab, sondern allein vom Marktpreis.» Eine gute Vorsorge schützt vor bösen Überraschungen.
Die Höhere Fachhochschule Bürgenstock (HFB) bietet einen eintägigen Kurs zum Thema «Betriebsübergabe und Nachfolgeregelung» an, in dem Experten einen Überblick über die komplexe Thematik und die wichtigsten Meilensteine geben.
www.meierbossert.chwww.mattig.swisswww.schreinerei-meier.chwww.hfb.ch
In loser Folge hat die SchreinerZeitung die Problematik rund um die Betriebsnachfolge beleuchtet. Erschienen sind die Beiträge «Übergabe an die nächste Generation», «Mehrere Wege führen ans Ziel», «Die Weichen rechtzeitig stellen» und «Unter Dach und Fach bringen». Mit dem Thema «Abschied und Neubeginn» endet die Serie.
Veröffentlichung: 12. März 2020 / Ausgabe 11/2020
Kreislaufwirtschaft. Wie gelingt es der Bauwirtschaft, den CO2-Ausstoss zu senken und damit ihren ökologischen Fussabdruck zu verkleinern? Weiterverwenden von Bauteilen und Rezyklieren von Baustoffen liefern Antworten, lautete der Tenor an der Tagung für zirkuläres Bauen in Biel.
mehrBerufsbildung. Jährlich starten rund 200 Jugendliche eine Ausbildung als Schreinerpraktikerin oder Schreinerpraktiker. Die zweijährige Attestlehre geniesst nicht überall den besten Ruf. Dennoch ermöglicht sie den Start ins Berufsleben, wie die Beispiele von EBA-Schreinern zeigen.
mehrPaidPost. Die orangefarbenen Service-Busse von Schreiner 48 stehen im Dauereinsatz. Möglich ist das nur, dank dem Garagist Philipp Huber und seinem Team
mehr