Verlockung auf dem Pausenplatz

Das Konstruktionsholz ist aus Fichte und Tanne, die Holzbank aus Esche. Plan: Fiechter & Salzmann

VeloPavillon.  Ist die Schule aus, trifft man sich am Velounterstand. Besonders schön geht das beim Schulhaus Rohrdorferberg. Unter dem ausladenden Dach lässt es sich schwatzen und tuscheln. Oder einfach die Sicht auf die Aargauer Moränenlandschaft geniessen.

Wo 110 Velos Platz hätten, sind an diesem Tag bloss einige Kickboards, ein paar Mountainbikes, ein Elektrovelo und ein Töffli eingestellt. So jung und schon motorisiert? Ja, denn das Einzugsgebiet der Schule Rohrdorferberg ist weitläufig, das Gelände hügelig. Für die Lernenden der Region haben sich die Gemeinden Remetschwil, Bellikon, Oberrohrdorf und Niederrohrdorf zusammengeschlossen, um ein Schulhaus zu bauen. So erweiterte das Architekturbüro Fiechter & Salzmann das bestehende Schulgebäude zu einem Oberstufenzentrum für rund 330 Schüler.

Filigran und prägnant

Die Architekten entschieden, das Plateau vor dem Schulkomplex als Pausenhof freizulassen. Einzig der Velopavillon steht auf dem Platz: Ein schmaler Bau in gebeiztem Holz, die Ecken sind kurvenförmig gebogen, das Dach kragt weit über die umlaufende Sitzbank aus. Von hier, auf der geschwungenen Bank sitzend, geht der Blick auf die Alpenkette im Süden und die Seitenmoränen, die das Tal durchziehen. Mit dem Velopavillon schlugen die Architekten eine Brücke von der Agglomeration zum Land.

25 Meter lang, 12,5 Meter breit und 3 Meter hoch ist der einstöckige Bau. Wer den Zürcher Paradeplatz kennt, wird vom Velopavillon leicht an dessen Tramwartehalle erinnert – die geschwungenen Holzbänke, das ausladende Dach. Diese Parallelen seien nicht gesucht, erklärt der Architekt René Salzmann. Die charakteristische Form habe sich durch die Ansprüche an die Funktion ergeben. Schutz und Unterstand soll das Dach bieten und gleichzeitig dem Pavillon – obwohl filigran – zu Prägnanz auf dem grossen Pausenplatz verhelfen.

Holz für weite Auskragungen

Am Stützbauwerk ist das konstruktive System von Pfetten und Sparren besonders im Inneren ablesbar. Die durchlaufenden Hauptträger, die sich zur Auskragung verjüngen, liegen auf den Stützen auf, über diese erfolgt auch die Aussteifung. Die Pfeiler sind im Betonsockel eingespannt und an den Einspannungspunkten mit Stahlplatten verstärkt. «Holz eignet sich besonders für weite Auskragungen», sagt Salzmann. Sowieso setzt er mit Vorliebe auf Holz: Die sichtbare Konstruktion verleiht einem Bau eine klare Gliederung. Und eine Stütze lässt sich einfach durch eine Aufdoppelung oder eine Ausnutung veredeln.

Latten auf Form gebogen

Unter der auskragenden Traufe bildet sich ein vor Wind, Regen und Sonne geschützter Raum mit einer umlaufenden Sitzbank. Doppelt geschwungen sind die Sitzbank und die Untersicht des Dachs. In aufwendiger Arbeit wurden die einzelnen Latten auf Form gebogen und dann – Lättchen für Lättchen – über den Sitzknaggen verlegt.

In der Werkstatt von Baur Holzbau AG bereitete der Schreiner Beat Ebnöther die Unterkonstruktionen der Längssitzbänke aus Furnierschichtholz vor. So konnten die Sitzbänke als Teilelemente auf die Baustelle gebracht und einfach montiert werden. Innert drei Wochen richteten die Zimmermänner den Pavillon auf.

Die Schulstunde ist um, die Glocke läutet und schon verteilen sich die Schüler auf dem Pausenplatz. In kleinen Grüppchen stehen sie zusammen, in bunten Jacken und weissen Sneakers. Zwei Freundinnen setzen sich unter den Pavillon. Augen für die Alpen im Süden haben sie keine. Gut lässt es sich tuscheln und raunen, im Schutz der zu schlanken Rauten gestellten Holzleisten.

Wandelemente vorfabriziert

Bei der Fassade orientierte sich Salzmann an den Innerschweizer Scheunen, in denen das Heu gelagert und getrocknet wird. Der Velounterstand sollte geschützt vor Witterung sein, doch einsichtig bleiben. «So kommt man automatisch zur Auflösung einer Wand», erklärt Salzmann. Die geraden Latten mit Schrägschnitt verbinden sich zu schlichten Ornamenten. Auch wenn die Konstruktion zierlich wirkt, «einen scharfen Fussballschuss vertragen die trotzdem», meint Daniel Eymann, Geschäftsleiter der Baur Holzbau AG, lachend.

Die Wandteilelemente wurden als Ganzes in der Schreinerabteilung vorfabriziert und zusammengebaut, damit diese auf dem Bau nur noch zwischen die Konstruktionspfosten eingesetzt und verschraubt werden mussten. Nur mit einigen wenigen Schrauben sind die Rautenfenster befestigt. Wollte man den Unterstand umfunktionieren – beispielsweise für einen Marktstand bei einem Schulfest – liessen sich die Felder einfach herausnehmen. Die Rauten finden sich auch an den Windfängen des Schulhauses wieder. Das Element verbindet den Holzpavillon mit dem Gebäudekomplex aus gestocktem, grüngrauem Beton.

Das Tragwerk, die Untersichten und das Konstruktionsholz sind aus Fichte und Tanne gebaut. Für die Latten wählten die Architekten das Holz der Esche. Hart und zäh, jedoch gut bearbeitbar und besonders elastisch zählt die Esche zu den Edelhölzern. «Dass es für den Aussenbereich eingesetzt wird, ist eher selten», weiss Daniel Eymann. Sonst sei das Holz für Hammerstiele oder Holzschlitten typisch.

Schutz vor Regen und Rowdys

Die Holzoberfläche wurde zum Schluss mit Beize lasiert. Diese hält zwar Schimmel ab und vermindert, dass sich das Holz verfärbt oder unregelmässig vergraut. Doch Schutz vor der Witterung bietet Beize keinen. Das Tragwerk und die Sitzbank sind konstruktiv über das weite Dach abgeschirmt. Die Traufe ist mit Holzlatten bedeckt, die – wenn sie nach einigen Jahren von der Nässe verschlissen sind – einfach ausgetauscht werden können. Ein Kupferblech überdeckt das leicht geneigte Dach.

Auch vor Vandalismus bietet die Beize keinen Schutz. Recht abgelegen und von Blicken aus dem umliegenden Wohnquartier verborgen, wäre der Velopavillon prädestiniert für Rowdys mit Spraydose und Sackmesser. Deshalb wurden vorgängig zwar Anschlüsse für eine Kameraüberwachung gelegt, doch musste diese bis heute nicht installiert werden. «Nur im ersten Monat hat einer gezündelt», erzählt Eymann.

Die beschädigten Holzlatten konnten leicht ausgetauscht werden. Von ein, zwei harmlosen Initialen und Herzchen abgesehen, die ins Holz geritzt worden sind, blieb der Velopavillon bisher von Schäden verschont. «Der strengen Lehrer wegen», wähnt Eymann. Wohingegen der Architekt Salzmann überzeugt ist: «Ein schöner Bau wird von Menschen eher respektiert – besonders, wenn er aus Holz gebaut ist.»

Anerkennung durch Prix Lignum

2018 erhielt der Velopavillon die Anerkennung des Prix Lignum für die Region Nord. Die Anerkennung verleiht Rückenwind und bestätigt die Bauherrschaft in ihrem Entscheid, sich für dieses Schmuckstück eingesetzt zu haben. Dass nun auch bei öffentlichen Bauten Holz gefragt ist, erlebt Salzmann immer öfter. Die Bauherren seien – auch wegen des Prix Lignum – sensibilisiert auf den nachhaltigen Rohstoff, so Salzmann. Beim Velopavillon war Holz von Beginn an seine erste Wahl. Denn «Holz macht, dass man gerne verweilt».

Nach und nach leert sich der Pausenplatz. Aus den Schulklassen hört man durchs offene Fenster Jungen kichern und englische Wortfetzen. Zurück bleiben die Velos im Unterstand, ein Schokoladenpapier, das über den Asphalt flattert und diese grosszügige Sicht auf das Aargauer Mittelland.

www.baur-holzbau.chwww.fiechtersalzmann.ch

HO

Veröffentlichung: 23. Mai 2019 / Ausgabe 21/2019

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