Staunend auf Entdeckungstour


Platz nehmen und Ausprobieren konnte das Publikum auch am Stand vom Holz-biegewerk Winkler, das einige Stühle aus dampfgebogenem Holz mitgebracht hatte. Bild: Christian Härtel
Platz nehmen und Ausprobieren konnte das Publikum auch am Stand vom Holz-biegewerk Winkler, das einige Stühle aus dampfgebogenem Holz mitgebracht hatte. Bild: Christian Härtel
Blickfang. Glaube kann Berge versetzen, heisst es. Den Ausstellern und dem Publikum der Messe Blickfang in Basel reichte am vergangenen Wochenende die Zuversicht für eine vielseitige Präsentation und Rekordzahlen. Die Schreinerzeitung hat einige Fundstücke mitgebracht.
Vor Ort an den Ständen sind die Macherinnen und Macher mit ihren Arbeiten. Das macht den Charme der Blickfang-Veranstaltungen aus. Am letzten Wochenende kamen 143 Aussteller zur bislang grössten Veranstaltung dieser Art in Basel. Das Publikum dankte es und kam ebenfalls zahlreich. Laut Veranstalter sahen über 11 800 Besucherinnen und Besucher so auch die stark vertretenen Möbelbauer. Dies längst nicht nur, weil es eine Sonderschau Küche und Genuss sowie prämierte Stücke eines Designwettbewerbes zu sehen gab.
Weitere Fundstücke unter www.schreinerzeitung.ch
Auch eher unerwartete Gäste fanden sich ein. Etwa das Holzbiegewerk Winkler aus Felsenau AG. Der Hersteller von dampfgebogenen Holzteilen, der ein buntes Portfolio seiner Dienstleistungen für die Branche zeigte, gehört nicht gerade zu den selbstverständlichen Ausstellern einer Designmesse. Manch einer hätte das Unternehmen wohl eher an der zeitgleich stattfindenden Swissbau in der Halle gegenüber vermutet. «Wir arbeiten oft mit Designern und Architekten zusammen. Und die Blickfang ist der Ort, wo die Szene zusammenkommt. Wir wollen unser Angebot der Zusammenarbeit zeigen», sagt Roman Winkler, Geschäftsführer des Holzbiegewerkes. Und nicht wenige seien überrascht, was mit gebogenem Holz alles machbar sei und dass so etwas überhaupt mit massivem Holz ginge, sagt Winkler.
Fest verankert in der DNA der Blickfang sind Regionalität und Nachhaltigkeit der Produkte. Das Holzbiegen entspricht dem und Winkler erklärt der Besucherschaft, was alles machbar ist. Und so hat auch das Unternehmen die Vorzüge der Blickfang genutzt. Es geht an den Veranstaltungen um das direkte Gespräch mit den Produzenten, das Ausprobieren und schlicht um das Anfassen der Resultate handwerklicher Arbeit.Der nächste Schweizer Blickfang-Anlass geht vom 18. bis 20. November in Zürich über die Bühne.
www.blickfang.comwww.holzbiegen.ch
So etwas nennt man wohl einen Publikumsmagneten. Schon vor dem Eingang der Messe in Basel gab es diese Sehenswürdigkeit zu bestaunen. Einen hellen, hölzigen, ungewöhnlich wertigen, weil passgenauen Innenausbau eines VW-Busses zeigte die Two Stories GmbH aus Gretzenbach SO. Die freundliche Ausstattung mit durchdachten Details liess so manches Camperherz hö- her schlagen. Die Wertigkeit des Ausbaus ist entscheidend für seine Wirkung. Schwerlastauszüge, gut platzierte und stimmungsvolle Beleuchtung sowie die kleinen und feinen Details in der Umsetzung gefielen dem Publikum.
«Der Camper fürs Leben», so der Anspruch, kann mit verschiedenen Ausbauvarianten gestaltet werden. Neben der Bestückung von bestehenden Fahrzeugen, agiert Two Stories auch als Dienstleister und Generalunternehmer. So können auch Neuwagen direkt bestellt und entsprechend mit der Camping-Ausstattung konfiguriert werden. Dazu arbeitet die Firma mit dem deutschen Ausstatter Vaning zusammen. Die nachträgliche Umrüstung mit einem Aufstelldach wird mit dem Schweizer Partner Sortimo umgesetzt.
Da es sich um eine massgeschneiderte Lösung handelt, ist der gemütliche Camper nur für die Modelle des VW-Transporters T 5, T 6 und T 6.1 möglich.
Schreiner Roger Lindauer aus Steinen SZ setzt mit seinen leimfreien Holzverbindungen Massstäbe im Möbelbau. Im Rahmen einer Sonderschau zeigte das Unternehmen eine Küche, die im Auftrag eines Architekturbüros mit Betonabdeckung und schwarz gefärbter Front entstand. Die Breitenverbindungen der Massivholzfronten werden lediglich geklickt und mittels eingelassener Halteleisten rückseitig verschraubt, sodass sich das Holz bewegen kann, ohne dass sich das Aussenmass der Front verändert. Klebstoff kommt dabei nicht zum Einsatz. Stattdessen setzt Lindauer auf den Einsatz von Mondholz, das in diesem konkreten Fall schwarz pigmentiert geölt wurde.
Durch die Klickverbindung lassen sich die Breitenverbindungen wieder in ihre Einzelteile zerlegen. Sollte sich die Farbenmode ändern, «nehme ich einfach einen Span mit der Finierhobelmaschine ab und habe die natürliche Holzoberfläche», sagt Lindauer. Das Konstruieren ohne Klebstoff ist bei Lindauer inzwischen zum Prinzip geworden. Auch beim ausgestellten Regal 001 des Labels «Studio Noun», das den Sonderpreis Schreiner beim letzten Prix Lignum gewonnen hatte, kommen Gewindeverbindungen in Holz zum Einsatz sowie die bewährten Breitenverbindungen zum Klicken.
Pfiffig umgesetzt ist das Prinzip auch beim neuen Hocker «Taburettli». «Meine Frau wollte einen Hocker, der stapelbar ist und aneinandergestellt eine Bank wird», sagt Lindauer. Dabei werden die beiden Beinpaare in die Sitzfläche eingeschoben und mit Schrauben fixiert. Die Eckverbindungen der Gestellverbindung mit Fingerzinken werden durch einen Holzdübel gehalten. Leim ist auch hier überflüssig.
www.lindauerag.chwww.madeofwood.ch
Auf die Frage nach der Grösse seiner Schreinerei antwortet Simon Gneist aus Burgdorf BE schlicht: 178 cm. Der Schreiner arbeitet allein und widmet sich ganz seiner Leidenschaft: dem Möbelbau. Neben Tischen und Stühlen zeigte Gneist den Sessel Gloria. Dieser wirkt vor allem durch die formal schlichte Ausführung des Massivholzgestells. Um die gut proportionierten Polster kümmert sich eine Polsterin. Man sinkt nicht einfach in Schaumstoff, sondern sitzt angenehm weich und gleichzeitig fest genug. Durch die Kooperation kann Gneist seine Gloria in verschiedenen Bezügen anbieten.
Im wahrsten Sinne des Wortes spannend ist auch das Regal Fizella 16. Dieses kommt ohne Rückwand aus und steht ohne zu schwingen. Dazu sind die Seiten und Böden mit zwei Stahlseilen in einer Nut verspannt, die den Korpus umlaufend verbinden. So lassen sich die Teile einfach zusammenstecken und sind wieder lösbar. «Das Verspannen beim Zusammenbau ist allerdings nicht ganz so einfach», sagt Gneist und rät dazu, das Regal beim Zügeln besser am Stück zu belassen.
Die Gebr. Dubois sind keine echten Brüder, aber gute Kollegen, Freunde. Hinter dem Zürcher Label stecken die beiden Schreiner Felix Messmer und Marco Hischier. Sie teilen eine Leidenschaft: Möbel zu entwerfen, die unkompliziert, wandelbar, leicht zu transportieren und ästhetisch sind. Dazu nutzen sie ein Element, das stilprägend ist: den Spanngurt.
So auch beim jüngsten Stück, dem Bett 108. Die Konstruktion erfolgt durch aufeinandergelegte Rahmenhölzer. Fixiert werden die Hölzer an den Kreuzungspunkten durch ein interessantes Detail. An jedem Knotenpunkt werden Ausfräsungen in Form einer Halbschale angebracht, die später Kügelchen aufnehmen, was genügt, um die Latten in Position zu halten. Den Rest erledigen die Spanngurte. Kommt auf diese ordentlich Zug, hält das ganze Gebilde zusammen und steift sich aus.
Bei den Gebr. Dubois legt man Wert auf die verschiedenen Aspekte der Nachhaltigkeit. «Das Holz stammt aus Zürcher Wald, gefertigt wird das Bett in den Werkstätten der Stiftung St. Jakob in Zürich», sagt Marco Hischier. Selbst die Spanngurte werden in der Schweiz produziert. «Regionale Wertschöpfung und soziale Nachhaltigkeit sind uns wichtig», so der Schreiner.
Holz in Holz stecken. Daran hat Christian Albrecht dermassen grossen Gefallen gefunden, dass er jedes Jahr ein neues Möbelstück entwirft, das allein mit selbstklemmenden Steckverbindungen auskommt. Mit einem hörbaren Click rastet die präzise, mittels CNC-Bearbeitungszentrum erstellte Klemmverbindung ein, und fertig ist das Ganze. Weitere Hilfsmittel oder Werkzeuge braucht es dafür nicht. Gelöst wird das Ganze durch einfachen Fingerdruck. So auch beim neuen Steckpult, der ohne weitere Aussteifungen erstaunlich stabil steht. Das Ganze ist eine Sache von Minuten. «Die Teile sind so bemessen, dass die Beine des Pultes für den Transport im Inneren gelagert werden können», erklärt Albrecht.
«Rutsch mal» – das geht auf dieser Bank nicht. Dafür hat der Entwurf von Alexander Wolf ganz andere Vorzüge. Man sitzt weich, obwohl man auf Holz Platz genommen hat. Der Trick dahinter liegt darunter. Die Sitzfläche aus Holzklötzchen in einem Stahlrahmen hat als Unterlage einen Schaumstoff, sodass die kleinteiligen Hölzer je nach Belastung durch das Gewicht des Benutzers nachgeben und ein Polstereffekt entsteht. Für Alexander Wolf war die Bank eigentlich seine Abschlussarbeit in der Ausbildung, was schon einige Jahre zurückliegt. In seiner Tätigkeit bei der Holzmanufaktur Hartholz, die zur Jobfactory in Basel gehört, hat er die Idee wieder aufgegriffen, die Bank leicht modifiziert und zu einem Produkt vollendet.
Die clevere Idee sorgt auch dafür, die anfallenden Resthölzer zu einem aussergewöhnlichen Produkt zu verarbeiten.
So manches Probesitzen in Basel begann mit einem kurzen Ausruf des Erstaunens. Das Auge sieht die feste Holzfläche und das Gehirn hat unbewusst eine Erwartungshaltung, weshalb der federnd weiche Effekt beim Platznehmen so manche Probanden doch ziemlich unerwartet traf.
Veröffentlichung: 12. Mai 2022 / Ausgabe 19/2022
Polsterung. Wirklich gute Innenausbauten mit Sitzmöbeln stehen oder fallen mit einer ebenso perfekten Polsterung dieser Möbel. Schreiner müssen das zwar nicht selbst ausführen, doch wenn sie Bescheid wissen, können sie Gespräche mit Kunden in zufriedenstellende Bahnen lenken.
mehrBeton. Es kommt darauf an, was man daraus macht. Der Werbeslogan für Beton aus den 1980er-Jahren trifft den Nagel auf den Kopf. Auch Schreiner tüfteln an und mit der Giessmasse für ihre Arbeiten und setzen Beton gekonnt für das besondere Erscheinungsbild ein.
mehrPaidPost. Das Handwerk ist in der afrikanischen Kultur verwurzelt. Am Design-Wettbewerb der Borm-Informatik AG in Zusammenarbeit mit der Stiftung SOS-Kinderdorf haben Lernende aus Niger ihr Können bewiesen und sich so ein Stipendium gesichert.
mehr