Mit Herz in der Hand

Tische aus Kauri-Holz, in diesem Fall aus zwei Bohlen mit Harz verbunden, sind eines der Markenzeichen bei Riva 1920. Bild: Riva 1920

Vor Ort.  Das Besondere beim italienischen Möbelbauer Riva 1920 ist die eigenständige Kombination von Design in massivem Holz. Etwa Kauri aus einer anderen Zeit, zerfressenem Eichenholz aus der Lagune Venedigs oder das Arbeiten aus dem Vollen mit Libanon-Zeder.

Am Morgen kommt Maurizio Riva mit dem Scooter direkt in die Werkstatt gefahren. Sein erstes Ziel: der Zuschnitt. Dort, wo das geschulte Auge eines Mitarbeiters von inzwischen etwa hundert Beschäftigten bei Riva 1920 ganz nah am Urstoff des Schreiners Riva ist. Wir befinden uns im Herzen der italienischen Möbelbauer in der Region um Cantù in der Hügellandschaft Brianza. In der Stadt liegt der Hauptsitz von Riva in einem repräsentativen Neubau von 2013. Entworfen hat das Gebäude mit der Ausstellungsfläche von 1200 m2 der Architekt Renzo Piano. Man kennt und schätzt sich. Früh hat Riva auf die Zusammenarbeit mit namhaften Designern gesetzt. Inzwischen sind es auch hier mehr als hundert.

Einen Teil davon kann man im Holzmuseum auf der oberen Etage nachspüren, zwischen 4000 ausgestellten Handwerkzeugen und Maschinen.

Drei Werkstätten und ein Juwel

Gegenüber, auf der anderen Strassenseite, liegt die Werkstatt für die Korpusmöbelproduktion. Einer von insgesamt drei Standorten in Cantù. Dort sieht es aus wie in jeder Schreinerei: Eine Plattensäge für den Zuschnitt der Stäbchenplatten, Maschinen zur Furnierbearbeitung, Kantenanleimmaschinen und andere Standardmaschinen. Viel Nussbaum, etwas Eiche und vereinzelt Nadelholz. Manche Arbeitsabläufe wirken nicht ganz optimal organisiert aufgrund der gewachsenen Strukturen, und natürlich sind recht viele Hände im Spiel, die das Holz formen. Der Bankraum ist nicht besonders abgegrenzt. Die Hobelbänke mit den lang hinunterreichenden Spannbacken der Vorderzange wirken schon selbst fast museal.

Hinter der Trennwand, bei der Oberflächenbehandlung und dem anschliessenden Bereich für die Beschlagmontage, sind alle Möbel mit den schicken und überall auftauchenden roten Deckchen samt Riva-Aufdruck vor Staub geschützt. Eines wird bei der Besichtigung klar: Der Erfolg des Unternehmens, sofern man als Aussenstehender dies überhaupt einschätzen kann, hängt nicht mit einer hochtechnisierten und bis ins Kleinste durchorganisierten Produktion zusammen.

Ressourcen schonen aus Überzeugung

Eine Frau ist gerade mit dem Oberflächenfinish zu Gange. Alle Möbel werden mit einem Leinöl nach eigener Rezeptur geölt, oder auch roh gelassen. Das überschüssige Öl wird mit einem Gummiabzieher abgewischt und landet so direkt wieder im Öltopf. Vielleicht geht es auch um Sparsamkeit, sicher geht es um Überzeugungen der Familie Riva. Ressourcen schonen, Chancen kreieren, keine giftigen Stoffe einsetzen: Punkte, die Mitarbeiterin Gaia Toschi bei der Führung immer wieder erwähnt.

Dann geht es weiter in die nächste Werkstatt für Tische und Gestellwaren, etwas abseits der Hauptstrasse: Technische Besonderheiten sind auch hier Fehlanzeige. Dafür hat es das Holzlager in sich, genauer gesagt der Umgang damit. Denn hier liegen die riesigen Bohlen des Kauri-Holzes, einer der Besonderheiten bei Riva 1920. Jedes Stück wird fotografiert und in einem geschützten Bereich auf der Website gezeigt. Dort kann der Kunde dann «seine Tischplatte» auswählen. «Manche wollen nicht ganz so wilde Formen, weshalb dann die Massnahmen besprochen werden, um etwa eine äussere Ausbuchtung etwas einzuebnen oder vielleicht mit Harz auszugiessen», erklärt Toschi.

Etwas hobeln und viel schleifen

Das Holz des Nadelbaumes Kauri kommt aus Neuseeland. Die riesigen Bäume stehen heute unter Naturschutz. Verarbeitet werden deshalb Stämme, die sich vor 7  mm 000 bis 50 000 Jahren unter Schlamm und Wasser begraben, ohne Sauerstoffzufuhr, selbst konserviert haben. Das Alter eines jeden Stammstückes wird mittels Radiokarbonmethode ermittelt. Die Länge der möglichen Tische ist nur durch das Containermass beschränkt. Bei zwölf Metern ist deshalb Schluss. Die teilweise geworfenen dicken Bohlen werden von Hand mit dem Hobel bearbeitet. Und dann vor allem fleissig geschliffen. Die Hand sei das wichtigste Werkzeug des Schreiners, das Herzstück sozusagen. Ein besonderes Stück Holz, mit viel Herz und Hand bearbeitet, hat seinen Preis. Mit einem stabilen Gestell aus Eisen beginnen die Kauri-Tische meist im fünfstelligen Bereich, je nach Grösse, Alter und Zeichnung des Holzes, versteht sich. Dominierend auch in der zweiten Werkstatt ist aber das Nussbaumholz. «Etwa 3000 Tische produzieren wir pro Jahr», sagt Toschi. Jedes Stück hat seine Nummer und wird mit allen relevanten Daten archiviert. So weiss das Unternehmen, welcher Kunde eine Tischplatte aus zwei Friesen und wer eine normal verleimte Tischplatte bestellt hat.Die Kollektion von Riva 1920 kennt zwar viele Modelle, doch wenn das Holz es hergibt, entstehen jederzeit Unikate, die direkt im eigenen Showroom an Besucher verkauft werden.

Voll in die Zeder

Die dritte Werkstatt ist dann doch noch besonders. Zum einen, weil davor Stämme und kurze Stammstücke in teilweise gewaltigen Dimensionen lagern, sodass man sich eher in einem Sägewerk als in einer Möbelwerkstätte wähnt. Der Duft in der Luft fällt auf. Er stammt vom Holz der Libanon-Zeder, die in Italien eingekauft wird. Besonders aber auch, weil in der Werkstatt drei 5- und 6-Achs-Bearbeitungszentren aus dem Hause SCM der besonderen Art stehen. Hier ist der Ort, wo Möbel aus dem Vollen des Stammes gespant werden. Erst werden die Blöcke dazu mit einer kettenbetriebenen Ablängsäge zugerichtet und kommen dann ohne weitere Bearbeitung auf die CNC-Maschine. Zunächst arbeitet diese mit dem Schruppfräser die Form aus dem Zedernholz, wie etwa für Sitzschalen oder einen der vielen Hocker. Inzwischen sind es auch hier über hundert Modelle aus massivem Holz. Nach der Aufspannung wird wieder viel geschliffen, teilweise mit einfachen Auflageschablonen für die Langbandschleifmaschine, den Rest wieder arbeitsintensiv von Hand. Eine Besonderheit ist auch das Bearbeitungszentrum für die Produktion der gedrehten Hocker und Teile. Denn dieses Aggregat hat eine Spannvorrichtung in Form einer Drechselbank. Das Stammstück rotiert um die eigene Achse und wird gleichzeitig mit dem drehenden Werkzeug zerspant.

Holzfehler kultiviert

«Risse und Veränderungen des Holzes sind eine unentbehrliche Eigenschaft vieler Möbelstücke», so Riva. Gerade die Zedern-Möbel, die auch für den Einsatz draussen gedacht sind, bekommen beim Trocknen natürlich Risse. Das gilt für alle drei besonderen Materialien, die täglich verarbeitet werden: Kauri, Zedernstämme und auch das «Briccole», Holz aus Rammpfählen aus der Lagune Venedigs. Die Eichenpfähle werden alle 10 bis 12 Jahre ausgetauscht und sind vom Einsatz im Meerwasser entsprechend mit Bohrlöchern übersät. In Werkstatt zwei entsteht gerade ein Möbelstück aus dem Bohrlöcher-Holz und wartet vor Wärmelampen auf die weitere Bearbeitung und darauf, dass die Holzfeuchte sinkt. Maurizio Riva überlegt ständig, wo er mit einer zündenden Idee etwas Neues schaffen und gleichzeitig Synergien erzeugen kann. Die vielen Abschnitte der zahlreichen Nussbaummöbel werden inzwischen selbst wieder zu Platten verarbeitet. Was normalerweise im Brennholz landet, macht Riva in Harz eingebunden nun selbst zum einzigartigen Möbelstück. Diese Philosophie macht das Unternehmen aus, und das interessiert die Kunden offensichtlich auch. Denn Besucher kommen viele das Jahr über. Händler, Partner, Designer und natürlich Kunden. Aber auch Schulklassen, Studierende und andere Gruppen. Auf der Website kann man direkt Termine für eine Gruppenführung anfragen. Die Zukunft von jungen Menschen liegt Maurizio Riva am Herzen, und Nachhaltigkeit ist für Riva ein gelebtes Prinzip: «Ich hoffe sehr, dass ich den jungen Leuten irgendwie helfen kann. Etwa durch mein Wissen über Holz und indem ich versuche, ihnen Mut zu machen und Inspiration, Willenskraft und Leidenschaft zu vermitteln», sagt Riva, so wie er es selbst von seinem Vater und Grossvater erfahren habe.

www.riva1920.it

ch

Veröffentlichung: 25. August 2016 / Ausgabe 34/2016

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