Mit der Unsicherheit leben lernen

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Materialeinkauf.  Der grosse Sturm scheint vorbei zu sein. Doch die Unsicherheit, die die Aufhebung des Euro-Mindestkurses Anfang 2015 ausgelöst hat, ist bis heute nicht gewichen - auch in der Holzindustrie nicht. Gefragt sind neue Ideen, mehr Effizienz sowie das Erwachen eines Gemeinschaftsgefühls.

Wie in den meisten anderen Schweizer Wirtschaftszweigen gibt es auch in der nationalen Holzindustrie so etwas wie eine Aufteilung der Zeitrechnung in vor und nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses. «Die Branche wurde gefordert, die Kosten nochmals zu überprüfen und zu korrigieren», erklärt George Kuratle, Inhaber der Kuratle Group und somit der Kuratle & Jaecker AG in Leibstadt. So seien die Exporte seit Januar 2015 reduziert worden. Dadurch sei der Umsatz schlagartig nach unten gedrückt worden, was schlussendlich auf die Ertragslage gedrückt habe und dies immer noch tue. «Die aktuelle Lage ist angespannt und bedarf der ständigen Beobachtung des Marktes», gibt Kuratle zu bedenken. Zurzeit erhalte man zu wenig Menge. Das Rohholz aus dem Wald sei zu knapp, um alle Bedürfnisse der Industrie zu befriedigen. Preiserhöhungen seien deshalb in den nächsten Monaten unabdingbar und ganz grundsätzlich. «Die Sägereiindustrie schreibt seit mehreren Jahren rote Zahlen und viele mussten ihren Betrieb schliessen», sagt Kuratle weiter. Übernahmen und Zusammenschlüsse seien in der Branche bald an der Tagesordnung. Das alles seien Gründe, um effizienter zu werden.

Schleichende Deindustrialisierung

Von einer Entspannung seit dem «Frankenschock» will auch Mauro Capozzo, CEO der Swiss Krono AG in Menznau, noch nicht sprechen. «Der Druck ist nach wie vor da», sagt er. Da noch immer das gesamte Preisniveau in der Schweiz betroffen sei, steige der Druck aus dem Ausland für sämtliche inländischen Verarbeiter weiterhin an. «Wir stellen leider fest, dass immer mehr Fertigprodukte in die Schweiz importiert werden und somit der Inlandbedarf an Holzwerkstoffen sinkt», erklärt Capozzo. Diese schleichende Deindustrialisierung in der Schweiz bereite ihm grosse Sorgen. Roman Rogger, Unternehmensleiter der Woodpecker Holding AG in Bremgarten, sieht den schwachen Euro respektive den starken Franken derweil nicht mehr alleine im Vordergrund. «Wir legen nach wie vor Wert auf qualitativ hochstehende Produkte», sagt Rogger. Die Preise seien mittlerweile nach unten angepasst und relativ stabil. Insofern habe sich die Lage im Vergleich zu jener vor gut einem Jahr sehr wohl beruhigt. Die Schweizer Unternehmer seien aber, gerade im Vergleich mit den ausländischen Produzenten, noch immer sehr stark gefordert, da auch sie direkt im Wettbewerb zu den ausländischen Produzenten stehen, jedoch Schweizer Kosten zu tragen hätten.

Schweizer Holz fördern

Die Nachwehen des Frankenschocks sind für die hiesigen Unternehmer also immer noch spürbar. Doch was wird aktuell getan, um diese Nachwehen nach und nach zu lindern und bestenfalls gar gestärkt wieder aus der Misere herauszukommen? «Die aktuelle Lage ist sehr schwierig, und es gibt viele Szenarien am Markt», stellt Regina Weber, Projektleiterin beim Verband Holzindustrie Schweiz, zuerst einmal klar. Da die Kostennachteile für die Werke bestehen blieben, würden Kosten- und Prozessoptimierungen ihre Aktivitäten auch in den kommenden Jahren bestimmen, ist sie sich sicher. Trotzdem gibt es sehr wohl Lösungsansätze. «Die 2015 massiv verstärkte Kommunikationsoffensive für das Herkunftszeichen Schweizer Holz und für Holzerzeugnisse aus der Schweizer Wertschöpfungskette hat sich bewährt und wird auch 2016/2017 intensiv weitergeführt», erklärt Weber. Insgesamt sei es dank den gemeinsamen Anstrengungen von Waldwirtschaft und Holzindustrie gelungen, die Marktanteile von Schweizer Holz zu halten. Das gemeinsame Einstehen für einheimische Produkte sieht auch Mauro Capozzo von der Swiss Krono AG als zentralen Punkt auf dem Weg zur Besserung. «Für inländische Produzenten und Verarbeiter gilt heute mehr denn je, gemeinsam an Schweizer Holz und Schweizer Produkten festzuhalten und den Endkonsumenten dafür zu motivieren, auch tatsächlich inländische Produkte einzukaufen.»

Dieses «Gemeinsamkeits-Prinzip» kommt immer wieder zur Sprache, wenn es um die Frage nach Lösungsansätzen und somit nach dem idealen Weg in eine möglichst positive Zukunft der Schweizer Holzbranche geht. George Kuratle von der Kuratle & Jaecker AG sagt zum Beispiel, dass man die Produkte aus der Schweiz tagtäglich mit viel Engagement verkaufen müsse, ansonsten würden die Werke in der Schweiz nachhaltig verlieren. Und das wolle und müsse man zu verhindern versuchen. «Dabei müssen alle, die im Holz verarbeitenden Gewerbe tätig sind, eine gemeinsame Verantwortung tragen», sagt Kuratle.

Unsicherheit bleibt

Trotz allen gemeinsamen Anstrengungen sind sich gleichzeitig alle Verantwortlichen sehr wohl bewusst, dass die Situation auch in unmittelbarer Zukunft angespannt und somit schwierig bleiben wird. «Es ist wichtig, dass sich die gesamte Holzkette bewusst ist, dass ein ruinöser Kampf um das Holz keinen nachhaltigen Arbeitsplatz erhalten kann», mahnt Kuratle. Wenn man die Erfolge der Holzarchitektur der vergangenen Jahre zugunsten des Holzes und somit das Naturprodukt Holz als Hightech-Produkt – welches seinen Preis haben müsse – im Markt nicht hochhalten könne, würde es schwierig werden, ist er sich sicher. «Die Betriebswirtschaftlichkeit respektive die Ertragslage der Holzbetriebe muss gesund sein, sonst werden sich die Investoren wieder vermehrt dem traditionellen Bau zuwenden.»

Keine sichere Prognose

So oder so: Die Unsicherheit bleibt. Denn wie Roman Rogger von der Woodpecker Holding AG festhält, sei es schlicht nicht möglich, eine sichere Prognose für die Zukunft zu erstellen. «Heute können kurzfristige, nicht vorhergesehene Ereignisse jederzeit die Situation verändern», sagt er. Dementsprechend sei es mit Blick in die Zukunft wohl das Wichtigste, mit der Unsicherheit leben zu lernen.

FB

Veröffentlichung: 01. September 2016 / Ausgabe 35/2016

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