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Birkenrinde wird auch als «Birkenleder» bezeichnet, was Stuhl und Hocker der Gestalterin Anastasiya Koshcheeva zeigen. Bild: Anastasiya Koshcheeva
Birkenrinde wird auch als «Birkenleder» bezeichnet, was Stuhl und Hocker der Gestalterin Anastasiya Koshcheeva zeigen. Bild: Anastasiya Koshcheeva
Birkenrinde. Die Rinde der Birke ist ein verheissungsvoller Werkstoff. Nach den ersten neuen Produkten damit soll bald auch ein Flächenmaterial seriell produziert werden. Das ist gut, da die Eigenschaften von Birkenrinde schon seit langer Zeit überzeugen und begeistern.
Gernot Iske hat wenig Zeit. «Typisches Problem eines Start-up-Unternehmers», sagt er. Am Ende dauert das Telefonat für diesen Artikel dann doch fast zwei Stunden, denn Iske hat viel zu erzählen. Seit der Gründung der Firma Betula Manus im deutschen Münster hat er so manche Höhen und Tiefen erlebt auf dem Weg, das Material Birkenrinde in die Werkstoffwelt von heute zurückzuholen.
Iske erzählt über Wissenschaftler, die alles zu wissen glauben und dann ratlos vor den realen Phänomenen stehen. Oder über existenzielle Rückschläge bei den Versuchen, dem Material fertigungstechnisch beizukommen. Er berichtet von historischen Funden und den eigenen Beobachtungen über die Wirkungen und Eigenschaften der Birkenrinde, die den Forschern bis heute Rätsel aufgeben. Erfunden oder entdeckt hat Betula Manus das Material als Werkstoff natürlich nicht. Ganz im Gegenteil: Birkenrinde wurde zu früheren Zeiten in vielen Bereichen eingesetzt. Als Griffmaterial für Messer und Werkzeuge, zum Bootsbau, als Dachdichtungsbahnen, als Behältnisse für Lebensmittel etwa.
Doch das Verarbeiten von Birkenrinde ist aufwendig, benötigt Fertigkeiten und Kenntnisse, die inzwischen fast verloren gegangen sind. Davon kann auch Schreiner Cedric Lomeier ein Lied singen. Für sein Gesellenstück, eine Barsäule, hat er Birkenrinde wie gewachsen als Furnier verarbeitet. «Die Unregelmässigkeit der Rinde war dabei ein grosses Hindernis. Auch rollte sich die Rinde ständig zusammen und war erstaunlich starr», so Lomeier.
Die Birkenrinde braucht eine besondere Behandlung und liess sich bisher kaum industriell verarbeiten. Die Fertigung von Griffen und anderen Gegenständen aus Rindenmaterial blieb immer mit viel Handarbeit verbunden. Dieser Punkt markierte deshalb auch das vorläufige Ende eines breiten Einsatzes dieses Materials, obwohl es fantastische Eigenschaften hat. «Die Herausforderung für uns war, Produkte aus Birkenrinde seriell herstellen zu können. In diesem Schritt liegt das erfinderische Moment und unser erlerntes Know-how, das sich auch in zwei Patenten widerspiegelt und unsere Zukunft ist», so Iske.
Was dem Holzfachmann zunächst leicht machbar erscheint, erwies sich in der Realität als ein ziemlich langer und steiniger Weg. Der gelernte Schreiner Iske kann dazu viele Geschichten erzählen. Etwa über die Ursprungsidee, den Werkstoff Birkenrinde auf einem CNC-gesteuerten Bearbeitungszentrum zu zerspanen. Nach vielen Testdurchläufen mit verschiedenen Partnern haben die aber alle abgewinkt. «Ausrisse an der Oberfläche bis hin zur Zerstörung der Werkstücke, nicht spannbar, ausglühende Werkzeuge», lautete ein Fazit nach dem anderen. Am Ende wurde das Ganze deshalb als nicht machbar betitelt.
Man ging andere Wege, probierte etwa Drechseln und Formschleifen, was auf Dauer nicht die gewünschten Ergebnisse und vor allem nicht die nötige Prozesssicherheit lieferte. «Wollten wir 350 Türdrücker herstellen, hatte auf einmal der 67. Ausrisse, Nr. 84 bis 89 waren auch schlecht und so weiter. Es lag aber nicht an stumpfen Werkzeugen oder anderen sichtbaren Ursachen. Wir dachten dann, dass es einfach nicht geht und wir mit der Idee gescheitert sind», sagt Iske.
Weder Maschinen- und Werkzeugexperten noch Wissenschaftler konnten Abhilfe schaffen. Also ging Iske gedanklich nochmals zurück zur CNC-Bearbeitung, machte eigene Versuchsreihen und wurde fündig. Er fand die Lösung über die Veränderung der Parameter von Schneidengeometrie, Drehzahl, Vorschubgeschwindigkeit und Zustellung mit jeweils nur wenig Spielraum für mögliche Abweichungen. Das Produktionsmodell für eine spanende Bearbeitung war gefunden. «Es musste eine CNC-Maschine nach unseren Vorstellungen her, die aber keiner bauen wollte, weil die Hersteller überzeugt waren, dass dies nicht funktionieren könne», so Iske.
Schliesslich fand das Unternehmen einen Maschinenbaupartner, und die serielle Produktion von rundgefrästen Griffen für Werk- zeuge, Fahrradgriffe, Türdrücker und ähnliche Artikel war ohne nachfolgendes Schleifen möglich.
Viel Handarbeit steckt trotzdem in den Produkten. Schon die Vorbereitung des Rohmaterials verlangt dies. «Um eine gleichmässige Oberfläche zu erzeugen und die gewünschte Materialstärke zu erreichen, werden die Schichten in aufwendiger Handarbeit nacheinander abgezogen», erklärt die russisch-stämmige Designerin Anastasiya Koshcheeva. Von dort kommt auch der Löwenanteil des Materials. Zum Teil aus schwer zugänglichen Gebieten in Sibirien, in denen die Moorbirke wächst, die auch schon in jüngeren Jahren eine besonders dicke Rinde ausbildet.
Diese ist reicher an den wichtigen Inhaltsstoffen wie Betulin und Suberin als die hierzulande wachsende Sand- oder Hängebirke. Denn die Inhaltsstoffe zeichnen für die Eigenschaften der Birkenrinde verantwortlich. Genauer gesagt, handelt es sich bei «Rinde» um den äusseren Teil, die Borke. Der innere Bast wird von Hand Schicht für Schicht entfernt. Die Borke mit den konzentrierten eingelagerten Inhaltsstoffen wird dann weiterverarbeitet.
Getrocknet werden muss die so präparierte Borke nicht, denn diese enthält nur etwa 4 Prozent Feuchtigkeit, erklärt Iske. Trotzdem ist das Material geschmeidig und fest zugleich.
Jeder Pfadfinder weiss, dass man mit frischer Birkenrinde immer ein Feuer entfachen kann. Auf der anderen Seite ist das zu Blöcken weiterverarbeitete Material schwer entflammbar. Vor allem aber ist Birkenrinde enorm dauerhaft, wasserabweisend und von Natur aus mit antiseptischer Wirkung ausgestattet. Wird Birkenrinde nass, nimmt der «Grip» an der Oberfläche zu, die Rutschhemmung steigt. Das führte Iske und seine Mitstreiter zwangsläufig dahin, auch über Parkett- und Flächenelemente mit dem Material nachzudenken. Ein Boden im Badezimmer, dessen Rutschhemmung durch Feuchtigkeitszufuhr zunimmt, ist schliesslich wünschenswert. Dazu weist das Material einen ph-Wert von 5,5 auf der Skala aus, was dem Bereich der menschlichen Haut entspricht und somit für Barfussbereiche optimal ist.
Für die enorme natürliche Dauerhaftigkeit des Materials sind auch die Inhaltsstoffe verantwortlich, die in Form von Wachsen und Ölen auftreten. Die Rinde ist wasserabweisend und tötet Bakterien und Pilzsporen ab.
«Der Baum hält sich so unter den lebensfeindlichen Bedingungen in den Wuchsgebieten von Durchnässung, Durchfrostung und phasenweiser extremer Trockenheit. Traditionell nutzen dies auch die Handwerker in den Wuchsgebieten, indem sie Birkenrinde als Dachdichtungsbahnen unter den etwa in Norwegen üblichen Grasdächern verwenden», weiss Iske. «Bei Ausgrabungen von verschütteten historischen Häusern hat man diese Dachbahnen funktionsfähig vorgefunden.» Auch die Balkenköpfe der Auflager werden in den Ländern am Polarkreis traditionell mit Birkenrinde umkleidet, damit das Holz im Mauerwerk dauerhaft von Fäulnis verschont bleibt.
Diese Eigenschaften stellen aber auch ein Problem bei der technischen Verarbeitung dar. Da das Material keine Feuchtigkeit aufnimmt, ist es etwa nur schwer mit Weissleim zu verkleben. Andere Leime haben wiederum ihre eigenen Besonderheiten, wie etwa die nachträgliche Feuchteaufnahme. Bei Betula Manus hat man diesen Punkt zwar gelöst, trotzdem ist man dabei, eine auch ökologisch über jeden Zweifel erhabene Variante zu suchen. Dazu forscht man im Verbund mit Partnern und dem Fraunhofer-Institut an einem gangbaren Weg.
Über die Forscher kann Iske auch so manches berichten. Etwa, wenn er sich mit Forschungsanliegen an sie wendet und dann zu hören bekommt, dass man über Birkenrinde so ziemlich alles wisse. Bei den vielen Projekten mit Unis und Forschungsinstituten hatte sich bislang jedoch immer herausgestellt, dass man eigentlich wenig bis nichts gesichert sagen kann – der Dornröschenschlaf hat Lücken hinterlassen. Die möchte Iske möglichst schliessen und sammelt so viel Wissen, Erkenntnisse und Know- how wie möglich. Dazu hat er Mitstreiter nicht nur von aussen, sondern es bildete sich im Laufe der Zeit ein kleines Netzwerk an Akteuren, die ebenfalls vom Material und den Möglichkeiten begeistert sind.
Überhaupt sind Kooperationen und Zusammenarbeit für Betula Manus elementar. Es gilt, das Potenzial des Werkstoffes aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und die Unwegbarkeiten zu meistern. So arbeitet die Designerin Anastasiya Kosh-cheeva mit im Verbund und auch Tim Mergelsberg mit seinem Berliner Unternehmen Sagaan. Mergelsberg ist ein Kenner der Szene und ist zur Erntezeit vor Ort in Russland, um die Ernte zu begleiten und das Rohmaterial einzukaufen.
«Wir arbeiten ausschliesslich mit kleineren Betrieben vor Ort zusammen, die nachhaltig wirtschaften», betont Iske. Rohstoff für die Vorhaben gibt es indes genug. Die Mengen an Birkenwald hoch oben im Norden scheinen unerschöpflich. «Die Rinde kommt von Bäumen, die zum Einschlag vorgesehen sind oder bereits geerntet sind», sagt Iske. Es ist aber auch möglich, fachgerechte Ausführung vorausgesetzt, Rinde am lebenden Baum zu ernten – ähnlich wie bei der Korkproduktion.
Nachdem man die Griffproduktion mit dem Verbundmaterial «bm1» im Griff hat, sucht Iske neue Partner für die Produktion von «bm2».
«Das Flächenmaterial hat inzwischen eine fünfjährige Erprobungsphase als Boden- und Flächenmaterial in Nassräumen und Duschen hinter sich – mit erstaunlich positiven Ergebnissen», so Iske. Inzwischen seien alle zentralen technischen Fragen hinsichtlich einer Serienproduktion geklärt und Betula Manus ist auf der Suche nach einem Partner für die Herstellung und Vermarktung des Materials. Es geht um Parkett und einen Plattenwerkstoff mit einer Deckschicht aus Birkenrinde.
Später will man an lizenzierte Betriebe auch ein Starkfurnier mit der typischen Streifenoptik liefern können. Dazu wird das Rindenmaterial nach dem Verputzen und Reinigen zu Blöcken geschichtet und verklebt. Diese Models messen dann etwa 12 × 23 × 130 cm und werden dann zu Furnier aufgeschnitten. Wie die Blöcke genau verklebt werden, bleibt das Geheimnis der Macher. Anschliessend werden die Oberflächen geölt. «Das hat aber nur optische Gründe. Das Öl feuert die Maserung an. Einen Schutz oder auch Pflege braucht die Birkenrinde nicht. Altert das Material, verändert sich die Farbe in Kupfer- bis Bronzetöne.»
«bm2» ist auch wieder ein langer Weg, über den es viel zu erzählen gibt. «Das Material ist nicht einfach, aber unglaublich lohnend», sagt Iske.
Veröffentlichung: 09. März 2017 / Ausgabe 10/2017
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