In Form gebracht

Stark verformbare Mineralwerkstoffe eröffnen neue Möglichkeiten in der Fertigung und Gestaltung. Bild: LG Hausys

Mineralwerkstoffe.  Der Schreiner kann sie formen, kleben und mit Standardmaschinen bearbeiten. Die neusten Entwicklungen der Mineralwerkstoffhersteller bieten durch die minimalen Biegeradien noch mehr Freiheiten, was die Verformung angeht.

Wenn Mineralwerkstoffe zum Einsatz kommen, wird oftmals mit geformten Bauteilen gearbeitet, die mit einem anderen Material nicht oder nur sehr schwer umsetzbar wären. Denn der Werkstoff aus Steinmehl und Acryl kann nach dem Erwärmen durch Biegen, Pressen oder Ziehen in die gewünschte Form gebracht werden.

Dabei sind die Hersteller an minimale Biegeradien gebunden, die im Fertigungsprozess eingehalten werden müssen, damit eine fehlerlose Verformung entstehen kann. Zudem stecken diese Radien die Grenzen des Materialeinsatzes und der Gestaltung ab. Mit den neusten Materialrezepturen haben die Mineralwerkstoffhersteller die minimal möglichen Biegeradien um einiges reduziert, was sich somit positiv auf die Fertigungs- und Gestaltungsmöglichkeiten auswirkt.

Neue Freiheiten in der Produktion

Um die bisherigen Grenzen der Verformbarkeit zu durchbrechen, haben die Hersteller neue Mineralwerkstoffrezepturen entwickelt, die sich noch besser mit Thermoforming bearbeiten lassen. Das ermöglicht zum Beispiel in der Herstellung von Halbfabrikaten wie Becken oder Wannen neue Formgebungen mit kleinen Radien. Dadurch sind einfachere Formen mit engen Radien oder steilen Winkeln nun auch in der Werkstatt umsetzbar. Diese waren bisher nur im aufwendigen Giessverfahren in grossen Stückzahlen möglich.

Unterschiede von Weiss und Mustern

Wichtig zu wissen ist, dass die Farben und Muster des Mineralwerkstoffes einen direkten Einfluss auf die Verformungseigenschaften haben. Die stark verformbaren Produkte sind meist in Weiss erhältlich, dann kommen die farbigen Produkte, und die strukturierten und gemusterten Produkte benötigen die grössten Radien. «Bei unserem Standardprodukt können farbige Platten mit 40 mm und strukturierte mit 75 mm Minimalradius gebogen werden», sagt Roman Strub. Er ist zuständig für die Kalkulation und den Verkauf bei der Bard International AG in Münchenstein BL. Das hat mit den Pigmenten in den gemusterten und strukturierten Platten zu tun. Diese verformen sich nicht gleichmässig mit und stören so die Homogenität im Bereich der Biegung, was zu Haarrissen, Verfärbungen oder Materialfehlern führen kann.

Bei den extrem verformbaren Mineralwerkstoffen lassen sich Radien von 12 bis 18 Millimeter fahren und einige Hersteller geben sogar eine um 180 Grad mögliche Verformung an. Aus den genannten Gründen sind diese Werkstoffe im Moment jedoch meistens nur in Weisstönen erhältlich.

Zumasse und Temperaturen

Je nach Hersteller und Material bedarf es eine etwas andere Temperatur, um die stark verformbaren Mineralwerkstoffplatten im Thermoformingverfahren zu biegen. «Unsere Standardplatten können mit 165 Grad und die neue Thermoformingplatte mit 130 Grad gebogen werden. Das muss in der Produktion beachtet werden», sagt Roman Strub. Die thermischen Eigenschaften unterscheiden sich beim fertigen Produkt nur gering.

Diese Biegetemperaturen sind bei jedem Mineralwerkstoffhersteller etwas unterschiedlich und haben auch einen bleibenden Einfluss auf das Material. «Eine einmal erwärmte Platte weist meistens einen minimal veränderten Farbton im Vergleich zu einer nicht erwärmten Mineralwerkstoffplatte auf», sagt Rolf Baumgartner, Geschäftsführer der Studer Handels AG in Höri ZH. Diesen Umstand sollte der Schreiner in der Zusammenstellung von flächigen und gebogenen Elementen in einem Werkstück beachten, wenn nicht alle Teile gleichmässig erwärmt wurden. Weiter treten bei starken Biegungen in den Randbereichen immer leichte Verformungen auf, die anschliessend weggeschliffen werden müssen. Für diesen Arbeitsschritt sollte der Schreiner genügend Material und Zumass einplanen.

Eine Chance für Einzigartiges

Die neuen stark biegbaren Mineralwerkstoffplatten sind für spezielle Anwendungen entwickelt worden und werden in der Praxis wahrscheinlich nur selten ausgereizt. Doch sie erweitern das mögliche Einsatzspektrum erheblich und bieten dem Schreiner somit ganz neue Möglichkeiten an. Mit diesen kann er seiner Kundschaft weitere Gestaltungslösungen anbieten und sich von der Masse abheben.

Folgende vier Händler und Verarbeiter beraten den Schreiner auftragsbezogen und bieten eine stark biegbare Mineralwerkstofflinie an.

www.bard-international.chwww.studerhandels.ch




Die Grenzen ausloten

Vor Kurzem präsentierte der Hersteller LG Hausys das Material «Hi-Macs Ultra-Thermoforming». Das neue Produkt weist eine um 30 Prozent höhere Verformbarkeit auf und stellt seit der Markteinführung 1967 die umfangreichste Neuerung in der Solid-Surface-Geschichte des Herstellers dar.

Die Rezeptur ermöglicht einen Innenradius von mindestens 6 Millimetern gegenüber den bisherigen 50 Millimetern. Dank des neuen thermischen Verformungsprozesses ist das Produkt flexibler und bietet damit dem Designer die Möglichkeit, noch engere Biegungen und organische Formen zu realisieren. Dabei soll das Material widerstandsfähig bleiben und weiterhin leicht zu verarbeiten und zu pflegen sein.

Farben und Masse

Im Möbel-, Innenaus- oder Küchenbau eröffnen sich weitere Möglichkeiten. So können die Radien tiefgezogener Becken zum Beispiel um einiges kleiner gefertigt werden. Der neue «Ultra-Thermoforming»-Werkstoff ist momentan im Farbton «Alpine White» erhältlich und die Platte wird im Format 760 mm auf 3680 mm angeboten. Die Stärke beträgt 12 mm und das Material kann im Innen- und Aussenbereich eingesetzt werden. In der Schweiz ist «Hi-Macs» über die Kläusler Acrylstein AG in Bassersdorf ZH erhältlich.

www.himacs.ch




1350 Millimeter Plattenbreite

Mit dem Mineralwerkstoff «Thermoforming Arlian» bietet die Studer Handels AG aus Höri ZH ab Frühjahr 2019 eine Platte mit minimalem Biegeradius von 13 Millimetern an. Der stark biegbare Werkstoff ist in der Standarddicke von 12 Millimetern und einer Plattenlänge von 3680 Millimetern erhältlich. Bei den Plattenbreiten steht neben 760 Millimeter und 930 Millimeter sogar eine 1350 Millimeter messende Variante zur Verfügung.

Farben und Masse

Als Standard ist die «Thermoforming Arlian» in Weiss erhältlich. Der Schreiner kann auf Anfrage jedoch auch weitere Farben beziehen. Die Mineralwerkstoffplatte «Arlian» ist in der Brandklasse Euroclass als schwer entflammbar und nicht abtropfend eingestuft und kann damit auch im Fassadenbereich eingesetzt werden. Erhältlich ist «Arlian» in der Schweiz direkt über die Studer Handels AG.

www.studerhandels.ch





180 Grad umbiegbar

Der Mineralwerkstoff «Meganite» wird in über 70 Dekoren hergestellt. Mit dem neuen «Meganite Flexy White» kommt eine spezielle Rezeptur zum Einsatz, welche im Extremfall eine Biegung von bis zu 180 Grad ermöglicht.

Tiefere Verformungstemperatur

Dabei liegt die Verformungstemperatur mit 130 Gad etwas tiefer als die üblichen 165 Grad des Herstellers, was in der Produktion beachtet werden muss. Die Thermobeständigkeit ist nach dem Verformungsprozess gleich hoch wie bei Standardplatten.

Farben und Masse

Wie der Name schon vermuten lässt, ist der «Flexy White»-Mineralwerksoff momentan in Weiss erhältlich.

Die 12 Millimeter dicke Platte ist standardmässig im Format 3660 Millimeter auf 760 Millimeter erhältlich und kann auf Sonderwunsch bis zu einer Breite von 1500 Millimetern bestellt werden. In der Schweiz wird Meganite von der Bard International AG aus Münchenstein BL vertrieben.

www.bard-international.ch





Unterschiedliche Dicken

Die Coristal AG aus dem aargauischen Rudolfstetten arbeitet unter anderem mit dem Mineralwerkstoff «Creanit» und stellt neben Halbfabrikaten auch Spezialanfertigungen für den Schreiner her. An der letzten Holzmesse 2016 stellte der Verarbeiter und Händler die «EST-Creanit»-Platte mit Super-Thermo-Eigenschaften vor. Diese ermöglicht die Verarbeitung mit minimalen Biegeradien und ist in unterschiedlichen Dicken erhältlich, was eine genaue Abstimmung auf den Materialeinsatz zulässt.

Farben und Masse

«EST-Creanit» ist momentan in der Farbe Weiss erhältlich und hat je nach Materialdicke einen anderen minimalen Biegeradius. Bei 6 Millimeter Dicke ist ein Radius von 20, bei 12 Millimeter ist ein Radius von 50 Millimetern möglich. Es stehen die Dicken 6, 8, 12 und 18 Millimeter zur Auswahl. In der Schweiz ist «EST-Creanit» direkt über die Coristal AG erhältlich.

www.coristal.ch

njg

Veröffentlichung: 06. Dezember 2018 / Ausgabe 49/2018

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