Eine Platte macht sich Beine


Bild: Matei Manaila, Rachel Herbst Tisch «IGN. OSCAR.»: Die organische Formensprache des Untergestells ist von der Architektur Oscar Niemeyers inspiriert. Massives Holz nach Wahl ergänzt die Tafel.
Bild: Matei Manaila, Rachel Herbst Tisch «IGN. OSCAR.»: Die organische Formensprache des Untergestells ist von der Architektur Oscar Niemeyers inspiriert. Massives Holz nach Wahl ergänzt die Tafel.
Tischdesign. Der Tisch ist ein zentrales Möbelstück. Im internationalen Wettbewerb setzen Hersteller und Designer einmal mehr auf solide Materialien, innovative Konstruktionen und individuelles Design. Die Qualitätsprodukte sind auch Ergebnis etwas anderer Geschäftsmodelle.
En Guete. Dafür versammelt man sich meist um einen Tisch. Klassischer Aufbau: Eine Fläche mit vier Beinen. Der Varianten sind viele hinsichtlich Gestalt, Grösse, Material und Funktionsweise. Im Massenmarkt heben sich Modelle hiesiger Hersteller vor allem durch ihre durchdachte Ausführung ab.
Der Tisch «IGN. OSCAR.», entworfen von den Architekten Matei Manaila und Rachel Herbst, interpretiert die organische Formensprache des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer neu. Die Unterkonstruktion, eine skulpturale Form aus gebogenem Stahlblech, kann bis zu vier Meter lang sein. Der Tisch mit Massivholzplatte zählt zur Möbelkollektion «Ign. Design» der Möbelwerkstätten Müller Sempach AG im luzernischen Sempach. Die Fertigung erfolgt im eigenen Betrieb. «So können wir die Tischplatten in jeder Grösse, Holzart oder in Linoleum anbieten», sagt der Inhaber Markus Ign. Müller. «Wir sehen die Marktchancen vermehrt in der individuellen Fertigung. Dazu ist unsere eigene Möbelkollektion, die sich dem Kundenwunsch anpassen lässt, von grossem Vorteil.»
Der Möbelmarkt ist umkämpft. Bei vielen Herstellern hat der starke Frankenkurs im vergangenen Jahr ausserdem zu grossen Umsatzeinbussen geführt. Wie also kann sich ein Möbel behaupten? Mit Individualität und Qualität, meint auch das Team von «Solv». Dahinter stehen der Produktgestalter Fabio Rutishauser, Heinz Fehlmann von der Schreinerei Fehlmann AG in Müllheim TG und dessen Stellvertreter Matthias Huber, alles Experten in Sachen Holzbearbeitung. «Produktion und Design haben immer starken Einfluss aufeinander und lassen sich nicht trennen», meint Rutishauser, der ebenfalls Schreiner ist.
Ein Produkt von «Solv» ist der Tisch «Aaron» mit seinem schlichten Design. «Uns ist es wichtig, dem Möbel einen Charakter zu geben, ohne dass es aufdringlich wirkt», so der Gestalter. Die ruhige Maserung von Eiche erlaube dies. Der Mehrwert des Möbels ist eine praktische Ablagefläche unterhalb der Tischplatte, in die im Handumdrehen alles Störende verstaut werden kann. Die wählbare Farbe des metallenen Untergestells ermöglicht es dem Kunden, sein Möbel individuell auf seine heimische Umgebung abzustimmen.
«Die grosse Herausforderung liegt im Biegen und Furnieren der unteren Tischplatte», erklärt Rutishauser. «Damit die Platte in die richtige Form gepresst werden kann, spielen Temperatur und Holzfeuchtigkeit eine wichtige Rolle. Denn mit einer Spezialsperrholzplatte wird das Tischblatt in einem Arbeitsschritt gebogen und auch furniert.» Die Zusammenarbeit der Fachleute entstand 2012 im Rahmen des «WoodAward», der vom VSSM initiiert wurde. Der Award führte so damals Designschaffende und Schreiner zusammen.
Der seinerzeit nominierte Tisch «Aaron» wurde am «Designers Saturday» ausgestellt, was einen Ansporn zum Weitermachen gab. An der Zürcher Blickfang 2015 präsentierte «Solv» die erste Möbelkollektion. Zum Tisch gesellten sich nun ein modulares Regalsystem sowie Salontische. Der Vertrieb erfolgt über den eigenen Onlineshop.
Hinter dem Namen «embee» verbirgt sich ein junges, kleines Designstudio in Winterthur, geführt vom Architekten Marián Brunzel. Er spezialisiert sich auf die Gestaltung hochwertiger Möbel, so etwa beim Tisch «Paul». Dieser sollte sich stapeln und aneinanderreihen lassen. Möglich wurde das mit einem besonderen Untergestell. «Durch dessen ausgefeilte Geometrie aus Edelstahlrohr braucht es keine massiven Beschläge», sagt der Gestalter zu seinem reduzierten Design. Die Fertigung ist dafür allerdings Präzisionsarbeit.
Das speziell dickwandige Edelstahlrohr mit eher dünnem Durchmesser wird im CNC-Dornbiegeverfahren erstellt. Dadurch reduziert sich die Schwingung deutlich. «Sehr wenige Firmen arbeiten mit dieser Materialstärke in diesem Verfahren», so der Designer. Er wurde in Deutschland im Dresdner Umland fündig. Die Tischplatte lässt er im grenznahen Konstanz herstellen. Handwerkliche Besonderheit: In die massive Eichenholzplatte wurde flächenbündig eine Gratleiste zur Stabilisierung eingefügt. Die umlaufende Kante verjüngt sich auf zwei Zentimeter Höhe. Das Holz ist matt geölt.
Die aufwendige Herstellung von geringen Stückzahlen ausschliesslich in der Schweiz sei derzeit aus wirtschaftlichen Gründen leider nicht möglich, meint Brunzel. «Wir haben die Produkte anderer Hersteller und deren Preissegment geprüft. Um konkurrenzfähig zu sein, sind wir derzeit auf die Herstellung in Deutschland angewiesen», sagt der Architekt über die zwiespältige Situation. Entwicklung und Vertrieb des Tisches erfolgen hingegen über sein Studio in Winterthur mit Fokus auf Schweizer Kundschaft. Bereits hat er sich mit «Simplan» Ansehen geschaffen. Sein Regal gewann den Interior Innovation Award 2013.
Nicht minder ambitioniert zeigt sich «Tavolarte», eine Kreation aus der Feder des Zürcher Designers und Innenarchitekten Harry Hersche. Sein Eichenholztisch will Menschen zusammenbringen, das Material steht für Beständigkeit, die Form ist wandelbar bei gleicher Basis. Eine runde wie auch eine quadratische Tischplatte mit abgerundeten Ecken können wahlweise in den zentralen Unterbau aus massiver Eiche integriert werden. Der birgt eine eigens konzipierte Bolzen-Mechanik zum einfachen Wechseln und Sichern der Platten. Dies geschieht mit einer Vierteldrehung am Drehkreuz im Unterbau.
Doch nicht genug der Ideen: Mit einem vom bernischen Möbelbauer Strasserthun eingesetzten Lasersystem lässt sich die Tischplatte äusserst genau gravieren. Für die Gravur von «Tavolarte» stand die klassisch rustikale Karo-Tischdecke Patin. Dafür wird die Platte zuerst vollflächig farbig lackiert, anschliessend erfolgt das partielle Abtragen per Laser bis aufs Grundmaterial. Es bleiben feine Konturverläufe noch unter 0,1 mm. Entwickelt und produziert wird der Tisch direkt bei Strasserthun. Harry Hersche setzt mit dem Produkt wegweisende Akzente für eine innovative und nachhaltige Kollektion.
Die Gestalter des Westschweizer Studios Atelier Oï, Aurel Aebi, Armand Louis und Patrick Reymond, sind bekannt für ihre spartenübergreifenden Entwürfe. Für den Klapptisch «Révérence» wurden sie vom Möbelhersteller Röthlisberger aus Gümligen BE angefragt. Ein Möbel aus Leichtbauplatten sollte kreiert werden. Bisher war dies wegen fehlender Befestigungstechnik nicht möglich. Doch diese lieferte der Hersteller dazu. Zugrunde liegt die patentierte «WoodWelding»-Technologie für den Medizinbereich, entwickelt von der gleichnamigen Zuger Firma. Damit können im Ultraschallverfahren poröse Materialien wie Knochen oder Holz dauerhaft fixiert werden. Die Firma Würth entwickelte in Kooperation ein Kaltschmelzgerät als Handmaschine, das thermoplastische Dübel sekundenschnell mit porösen Holzwerkstoffen «verschweisst». Das war das Ergebnis einer Ent- wicklungszusammenarbeit von rund einem Jahrzehnt.
Auf Basis dieser Innovation ging das Team von Atelier Oï ans Tischwerk. Dessen leichte, ovale Platte aus Wabenmaterial mit geräuchertem Eichenfurnier ruht auf einer besonderen Konstruktion. Die vier massiven Tischbeine sind mit einem Klappmechanismus aus unterschiedlichen Drehachsen versehen. Einmal ausgestellt, werden die Tischbeine durch Metallbügel verstärkt. Auf Wunsch lassen sich die Beine unter verschiedene Tischformen und Blattgrössen positionieren, wobei die Konstruktion unverändert bleibt.
Herausforderungen an die Konstrukteure gab es auch bei «ROTA». Der Hersteller Seetal Swiss aus Seon AG wünschte sich für seine Kollektion einen runden Säulenfusstisch mit Auszugsmöglichkeit. «Die gedrechselte Säule aus verleimtem Massivholz ist das auffälligste Element des Tisches, und sie bringt die Stabilität zwischen Tischplatte und Tellerfuss», weiss der Zürcher Designer This Weber.
Der Fuss, gefertigt aus einer verformten und verschweissten Metallplatte, stützt den ganzen Tisch ab. Aufgabe der Schreiner war es, die hölzernen und metallenen Elemente zu verbinden.
Die Tischplatte aus Massivholz liegt voll auf der stählernen Auszugsmechanik mit der sichtbaren Schürze auf. Dort ist auch die Einlegeplatte verstaut. Der Tisch spiegelt in seiner Konzeption auch die derzeitigen Umwälzungen bei den Herstellern. «Um kompetitive Verkaufspreise zu erzielen, müssen sie preissensible Elemente und Halbzeuge zukaufen», sagt This Weber. Und fügt an: «Die Manufakturen werden oft zu Entwicklungsabteilungen, die sich in ihrer Produktion auf die Fertigung von Spezialteilen und Sonderanfertigungen konzentrieren.»
Quo vadis Möbelherstellung? An innovativen Ideen mangelt es ihr nicht. Für ihre Umsetzung müssen sich alternative Wege finden und nicht zuletzt Kunden, die das zu schätzen wissen.
www.ign-design.chwww.solvfurniture.chwww.em-bee.chwww.strasserthun.chwww.roethlisberger.chwww.seetalswiss.ch
Veröffentlichung: 08. September 2016 / Ausgabe 36/2016
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