Ein Juwel unter 120 Tonnen Schutt


So präsentiert sich die Wohnung im zweiten Obergeschoss mit dem historischen Kachelofen eines lokalen Hafners. Bild: Thomas Fässler AG
So präsentiert sich die Wohnung im zweiten Obergeschoss mit dem historischen Kachelofen eines lokalen Hafners. Bild: Thomas Fässler AG
Denkmalschutz. Der transparente, sachliche Umgang mit Behörden, ein vergrösserter Zeitrahmen und engagierte Handwerksbetriebe gehören zu den Erfolgsfaktoren für anspruchsvolle Sanierungsprojekte, wie bei diesem Projekt eines Schreiners in Bischofszell TG.
Die ockergelbe Fassade wirkt wie ein freundlicher Farbtupfer in der Bischofszeller Altstadt. Die massive Haustür, mit alten Messingbeschlägen ausgestattet und in originalem Nussbaumholz kassettiert, verschafft Zugang zum denkmalgeschützten Gebäude, dessen Ursprünge zurück ins zwölfte Jahrhundert reichen.
Das mehrgeschossige Haus an der Marktgasse 20, das einen Teil der Stadtmauer bildet, hat über die Jahrhunderte viele, auch bauliche Veränderungen erfahren. Nach einer umfassenden Sanierung zeigt es nun innen wie aussen ein neues Bild. Vor allem aber sorgen vier Wohnungen und eine Ladenfläche dafür, dass mehr Leben in dieses historische Objekt zurückkehrt.
Im Erdgeschoss schreitet der Besucher über alte Sandsteinplatten auf eine grosse Treppe zu, die um einen viertelkreisförmigen Lichthof geführt wird. Diese Innentreppe, zum Teil aus der originalen Balustertreppe nach Grubenmann’scher Prägung bestehend und zu anderen Teilen neu konstruiert, windet sich um den neuen, ringsum verglasten Personenlift, der alle Geschosse erschliesst.
Auf den sieben Ebenen des grossvolumigen Gebäudes wurde historische Bausubstanz erhalten und mit zeitgemässem Wohnbaustandard kombiniert. Zwei Erdsonden mit je 250 Metern Bohrtiefe, eine Wärmepumpe und durchgehende Bodenheizungen brachten das Gebäude zudem auf den aktuellen energietechnischen Stand.
Inzwischen sind fast alle Wohnungen vermietet. Damit hat Thomas Fässler, der nur wenige Kilometer entfernt im Nachbarort Sitterdorf einen Betrieb für Schreinerei-, Zimmerei- und Fensterbau-Arbeiten führt, sein Hauptziel erreicht. «Neu beleben und Altes bewahren», lautete das Credo, auf das der Unternehmer während der aufwendigen Sanierung immer gesetzt hatte.
Alles begann mit der Besichtigung des Altstadthauses im Sommer 2017. Fässler und seine Ehefrau Ruth hegten den Gedanken, für später eine passende Alterswohnung zu finden. Die Grösse des Hauses überraschte, und bald erkannte Thomas Fässler das Potenzial, das darin steckte. Mit den Verkäufern, einer Erbengemeinschaft, kam es bald zu einer Einigung. «Es war ein Geschäft von Familie zu Familie.»
Weil das Gebäude historisch als wertvoll eingestuft ist, galt es, verschiedene denkmalpflegerische Anforderungen zu erfüllen. Nach dem Kauf der Liegenschaft per Ende August 2017 nahm Fässler rasch Kontakt mit der kantonalen Denkmalpflege und der zuständigen Altstadtkommission auf. Noch im Oktober reichte er ein erstes Baugesuch ein. Insgesamt vier sollten nötig werden, um alle Genehmigungen für die geplanten baulichen Massnahmen zu bekommen. Zwei Einsprachen seitens des Thurgauer Heimatschutzes waren zu verhandeln. Gegenstände der zahlreichen Begehungen und Besprechungen waren unter anderem die Form der Dachgauben, der Personenlift, die Erdsonden, der Einbau von Schiebefenstern im Erdgeschoss, die Fassadenfarben sowie die Gestaltung der Garagen und des Aussenplatzes.
Der Startschuss für die Bauarbeiten fiel im Frühjahr 2018. Der ganze Dachstuhl und die Balken wurden sandgestrahlt, ebenso die Bollensteinmauern von der dritten bis zur fünften Gebäudeebene. Dank einer Auf-Dach-Isolation wurde die ganze Dachkonstruktion sichtbar. Die Eindeckung mit bestehenden und teilweisen neuen Biberschwanzziegeln sowie die Konstruktion von Schleppgauben und Dachfenstern markierte einen ersten, wichtigen Meilenstein.
Abbrucharbeiten prägten die zweite Bauetappe. Innenverkleidungen der ehemaligen Ladeneinrichtung, der Ölbrenner im dritten Obergeschoss, viele mehrfach aufgebrachte Schichten aus Spanplatten, PVC- und textilen Belägen auf allen Geschossen mussten raus. «Alles nicht echte und nicht zum Gebäude passende Material», schildert Fässler. So kamen 120 Tonnen Bauschutt zusammen, der von Hand hinausgetragen werden mussten.
Damit war der Weg frei für den Innenausbau. Es galt vor allem, die Tragkonstruktion der Böden zu verstärken und zu ergänzen, um teilweise durchhängende Böden zu begradigen und um schwellenlose Wohnungen ausbilden zu können. Originale, gebogene Balken aus Eichenholz wurden freigelegt, teils aus Tannenholz bestehende Pfeiler durch solche aus Eiche aus dem historischen Baumateriallager des kantonalen Denkmalschutzes ersetzt. Schöne Konstruktionselemente konnten so sichtbar gemacht und gleichzeitig brandschutztechnische Erfordernisse erfüllt werden.
Die Böden wurden alle neu aufgebaut, konkret mit Unterlagsböden und Bodenheizungen versehen. Alte Kassetten-Parkettböden wurden zu diesem Zweck aus- und wieder eingebaut, ebenso die Tonplattenböden im Untergeschoss. Wo es neue Parkettböden zu verlegen gab, etwa im Erdgeschoss, fiel die Wahl auf hochwertiges Eichenparkett in Fischgratmuster mit Randfries.
Aufgrund der neuen Grundrisseinteilung im ersten und zweiten Obergeschoss wurden zusätzliche Türen nachgebaut, alle in massivem Nussbaumholz, nach alten Profilen und mit alten Beschlägen. Sehr aufwendig gestaltete sich besonders die Restaurierung der bestehenden Nussbaumtüren, in die mehrere Hundert Stunden investiert wurden. Die stattliche, 125 cm breite Haupteingangstür erhielt eine Trägerplatte für die Technik und das Motorenschloss. Dieses Element wurde aussen mit dem bestehenden und innen mit einem neuen Massivholzdoppel verbunden.
Handwerkerstolz kommt auch zum Ausdruck, wenn Fässler schildert, wie ein neuer Treppenhandlauf in der Dachwohnung unten in einen Pfosten eingestemmt ist, schräg durch den in der Mitte liegenden Balken führt und oben in der Galerie in einem Bogen an die Sichtsteinmauer anschliesst.
Mit der für Schreinerarbeiten gewohnten Präzision realisierte der Bauherr sein eigenes Lichtkonzept, ebenso die Sanierung der markanten Laubengänge. Sie benötigten eine neue Holzbrüstung mit wärmegedämmten Elementen und Fassadenplatten mit aufgesetzten, gehobelten Eichenstaketen, womit die ursprüngliche Optik erhalten bleibt.
Thomas Fässler blickt zufrieden auf das Sanierungsprojekt zurück. Während rund sieben Jahren die ganze Planung und Bauführung zu bewältigen, neben der Verantwortung für einen Betrieb mit gut 20 Beschäftigten, forderten den Unternehmer heraus. Doch er hatte immer seine Vision und seine Vorstellungen vor Augen, wie das Haus dereinst aussehen soll. Diese Linie verfolgte er auch in den Verhandlungen mit den Behörden.
Es habe sich bewährt, bei unterschiedlichen Auffassungen transparent und sachlich zu bleiben. Der für das Sanierungsprojekt erweiterte Zeitrahmen habe es zudem erleichtert, Entscheide reifen zu lassen und schliesslich gute Ergebnisse zu erzielen, und zwar für beide Seiten.
Dankbar ist Thomas Fässler, dass er sich immer auf die lokalen Handwerker verlassen konnte, ebenso für die Beiträge, die seine ganze Belegschaft für das besondere Projekt geleistet hatten. So sei es gelungen, dem Altstadthaus eine gute Substanz zu geben, die noch lange Bestand haben werde.
www.tfag.chGemäss Hinweisinventar stuft das Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau das Altstadthaus an der Marktgasse 20 in Bischofszell als «wertvoll» ein. Dazu zählen Gebäude, die im Orts- ganzen als bedeutendes Kulturzeugnis hervortreten. Der Bau wird als grossvolumiger, dreigeschossiger Verputzbau beschrieben, mit einer schmuck- losen vierachsigen Gassenfront unter Quergiebel, mit störenden Schaufensterausbrüchen im Erdgeschoss. Das vermutlich auf das zwölfte Jahrhundert zurückgehende Gebäude lasse eine Grubenmann’sche Planung vermuten und wurde nach dem Stadtbrand von 1743 wieder aufgebaut. Die auf 1763 und 1764 datierten Stukkaturen seien wahrscheinlich Wessobrunner Handwerkern zuzuschreiben. Zeitgleich entstand ein Kachelofen des Bischofs-zeller Hafners Gonzenbach.
Veröffentlichung: 24. Oktober 2024 / Ausgabe 43/2024
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