Ein erster Vergleich mit den WM-Konkurrenten

Der Österreicher Thomas Leitner, Massivholzschreiner, konzentriert sich auf die Aufgabe. Bild: Nicole D’Orazio

Sie haben sich gegenseitig sicher genau auf die Finger geschaut. Die zwei Schweizer Schreiner haben sich mit ihren World-Skills-Mitstreitern aus Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und England zu einem Training getroffen.

Es ist etwas eng und laut im üK-Zentrum in Weinfelden TG. Mitte Mai haben sich dort nicht nur die zwei Schweizer Schreiner, die an den World Skills in Lyon (F) teilnehmen, getroffen, sondern es waren auch die Kandidaten aus Deutschland, Österreich, Italien (Südtirol), Frankreich und Grossbritannien anwesend. Alle haben ihre Experten dabei und bereiten sich auf die Berufs-Weltmeisterschaften vor, die vom 10. bis 15. September stattfinden. Für die elf jungen Männer ist es der erste Vergleich mit einem Teil der europäischen Konkurrenz. Alle arbeiten konzentriert an ihrer Werkbank oder besprechen sich mit ihren Experten. Der eine oder andere schaut verstohlen zum Kollegen nebenan, um zu sehen, wie weit dieser ist oder wie er einen Arbeitsschritt angeht. Seit der WM 2017 ist es zu einer Tradition geworden, dass sich die Teilnehmenden aus den deutschsprachigen Ländern zu einem Training treffen. Später kam Frankreich hinzu, diesmal auch Grossbritannien.

Neben dem Training kommt beim Sechsländertraining der Austausch nicht zu kurz. Die Schreiner und Experten lernen sich bei einem Grillabend sowie einem Nachtessen besser kennen. Denn neben dem ersten Vergleich sei es für die jungen Männer wichtig, bereits das eine oder andere Gesicht an der WM zu kennen, erklärt Tobias Hugentobler, der Schweizer Chefexperte der Kategorie Möbelschreiner. «Zudem verleiht es ihnen einen Schub an Motivation, wenn sie sehen, dass die anderen auch alle stark sind.»

Schweizer schätzen den Vergleich

«Es ist spannend, zu sehen, wie die anderen eingerichtet sind und wie sie arbeiten», sagt Elmar Wyrsch. Der 20-Jährige aus Attinghausen UR vertritt die Schweiz in der Kategorie Möbelschreiner. Der Schweizer Kandidat in der Kategorie Massivholz ist Loïc Santschi aus La Chaux-de-Fonds NE. «Das Training ist eine gute Gelegenheit, sich in eine reale Wettbewerbssituation zu versetzen», beschreibt der 20-Jährige. «Das Niveau ist im aktuellen Stadium bereits hoch. Alle Teilnehmer sind ausgezeichnete Kandidaten.» Es sei schwierig, sich im Vergleich mit den anderen zu positionieren und das Niveau abzuschätzen. «Die Unterschiede liegen in vielen Details. Ich merke, dass ich bezüglich der Schnelligkeit ziemlich gut bin. Aber ich muss noch Lösungen finden, um die Qualität meiner Arbeit zu verbessern», sagt Santschi.

«Es ist interessant, sich mal mit anderen zu messen», sagt Lukas Aschbacher, der Möbelschreiner aus dem italienischen Südtirol. Er hat vor zwei Jahren seine Ausbildung als Schreiner abgeschlossen. «Im Vergleich mit den anderen fühle ich mich gut. Natürlich gibt es noch einiges zu verbessern. Aber ich versuche, das Beste herauszuholen.» Der 21-Jährige arbeitet Vollzeit und trainiert in der Freizeit für die World Skills. Es sei nett mit den anderen, findet der Südtiroler. Sie seien schon Kollegen geworden, obwohl sie sich noch nicht lange kennen. «Die Kommunikation funktioniert gut. Französisch spreche ich zwar nicht, aber irgendwie geht das schon.»

«Dass man mal einen Vergleich hat, ist interessant. Primär ist es aber wichtig, dass man selbst ein gutes Training hat», sagt Thomas Leitner, der Massivholzschreiner aus Österreich. Man könne aber immer was dazulernen, und er sei motiviert, weiter Gas zu geben. Der 21-Jährige fühlt sich seiner Fertigkeiten schon sicher, lernt aber auch gerne von den anderen. Er arbeitet ebenfalls Vollzeit und trainiert nebenbei.

1500 Personen aus über 65 Ländern

An den World Skills in Lyon werden sich 1500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus mehr als 65 Ländern versammeln, um in 59 verschiedenen Berufen um die Medaillen zu kämpfen. Das Schweizer Nationalteam tritt mit 45 jungen Frauen und Männern in 41 Skills an. Das Maximalalter beträgt 22 Jahre. Das Team wird von der Organisation Swiss Skills betreut und hat sich bereits mehrmals zur gemeinsamen Vorbereitung getroffen. Zum Beispiel erhielten alle ein Medientraining, und sie besuchten in Lyon die Wettkampfstätten und das Stadion, wo die Abschlussfeier stattfindet.

«Ich freue mich immer auf die Nationalteamevents», sagt Elmar Wyrsch. «Es herrscht eine tolle Stimmung, und ich bin gerne mit den anderen zusammen und tausche mich aus.» Er findet es gut, den Wettkampfort bereits zu kennen. «Das Stadion und das grosse Gelände haben Eindruck gemacht.» Der Urner hat seine Schreinerlehre im letzten Sommer abgeschlossen und bereitet sich seit letztem Februar im Betrieb seines Experten Tobias Hugentobler im thurgauischen Braunau auf die Berufs-WM vor.

Bei den Grundlagen angefangen

«Zuerst habe ich ein Grundlagentraining absolviert, damit ich grob gesagt weiss, wie ich etwas in die Finger nehmen muss», erzählt der Urner. Danach hätten sie das Thema Schubladen vertieft angeschaut. Zum Beispiel, was zu tun sei, damit diese sauber läuft. Seit zwei Monaten trainiert er an den drei Testobjekten, die jeweils ein paar Monate vor der WM bekannt werden und zur Vorbereitung dienen. Denn an den World Skills wird das Aufgabenstück eine Kombination aus diesen Objekten sein. Deswegen ist es wichtig, alle möglichen Vorgehensweisen sofort abrufen zu können. Der WM-Wettkampf wird 22 Stunden dauern und ist auf vier Tage verteilt.

Der Urner wohnt nun unter der Woche in einer kleinen Wohnung nur fünf Minuten vom Trainingsbetrieb entfernt. «Am Wochenende fahre ich nach Hause, um den Kopf durchzulüften oder etwas zu unternehmen.» Das Training läuft bisher gut. «Ich verstehe mich sehr gut mit Tobias, was ich wichtig finde», erzählt Wyrsch. Auch bei den Mitarbeitenden in der Schreinerei habe er Anschluss gefunden. «Während des Trainings habe ich meine eigene Ecke, in der ich konzentriert arbeiten kann. In die Pause gehe ich aber mit ihnen zusammen. Das schätze ich sehr.»

Es gibt auch harte Tage

Täglich voller Motivation in der Werkstatt zu stehen, sei manchmal eine Herausforderung, gibt Elmar Wyrsch zu. «Grundsätzlich arbeite ich sehr gerne an diesen Möbelstücken und habe Freude daran. Es gibt jedoch Momente, in denen ich mich vorwärtspushen und mich fokussieren muss. Die Vorbereitung macht aber Spass, und ich habe noch einiges an Feinschliff vor mir.» Das spornt ihn an. Nervös sei er derzeit überhaupt nicht, erzählt der Möbelschreiner. «Noch. Ich bin sicher, wenn die WM näherkommt, wird mein Puls sicher steigen.»

Von sich selbst erwarte er, dass er an den World Skills sein ganzes Potenzial abrufen und mit seinem Möbel zufrieden sein kann, sagt er. «Was herausschaut, werden wir im September sehen.» Mit Loïc Santschi versteht sich Wyrsch trotz Deutsch/Französisch-Sprachbarriere gut. «Wir kommunizieren mit Händen und Füssen», sagt der Urner und lacht. Ab und zu würden sie sich austauschen, seien aber schon unterschiedlich unterwegs.

Santschi schliesst Zweitlehre ab

Santschi trainiert seit April beim Schweizer Massivholz-Chefexperten, Roger Huwyler, in dessen Werkstatt in Bex im Kanton Waadt. Seit seinem Berufsabschluss als Schreiner im Sommer 2022 absolviert der Neuenburger eine Zweitlehre als Landwirt. «Das Training für die World Skills musste ich zum Glück nur wenige Tage für die Berufsschule und die Prüfungen unterbrechen. Diese sind nun aber vorbei, und Anfang Juli ist die Abschlussfeier. Ich bin froh, konnte ich alles unter einen Hut bringen.» Weil sein Trainingsort weit von zu Hause entfernt ist, wohnt Santschi unter der Woche in der Nähe von Bex und fährt an den Wochenenden zu seiner Familie.

Die Zusammenarbeit mit Roger Huwyler läuft gut. «Unser Austausch ist reichhaltig und ermöglicht mir, mich zu verbessern und jeden Tag neue Lösungen zu finden, um unser gemeinsames Ziel zu erreichen», beschreibt der Romand. Es gebe auch mal Tage, an denen es schwierig sei, die volle Motivation zu finden, um auf die WM hinzuarbeiten, sagt er selbstkritisch. «Aber ich halte die Moral hoch. Mir ist bewusst, dass ich eine einmalige Chance habe, an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Und ich hoffe, dass ich sie so gut wie möglich wahrnehmen kann.» Sein Ziel sei natürlich, den Wettkampf zu gewinnen, sagt Loïc Santschi. «Primär möchte ich aber meine beruflichen und ausserberuflichen Fähigkeiten, die ich bisher erlangt habe, optimal einsetzen und meine Grenzen maximal ausloten.» Gut, dass er auf seinem Weg dahin schon einen Teil der Konkurrenz kennengelernt hat.

www.schreinermeisterschaften.chwww.worldskills2024.comnationalteam.swiss-skills.ch

Nicole D’Orazio

Veröffentlichung: 06. Juni 2024 / Ausgabe 23/2024

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