Die Schallplatte am Boden

Aufgrund seiner Robustheit kommt bei Designbelägen vermehrt wieder Vinyl statt Laminat zum Einsatz. Bild: Enia Flooring international AG

Materialien.  Am Boden dürfen die Farben und Strukturen wieder gewagter sein. Leider gibt es Einsatzbereiche, wo Parkette und Laminate an ihre Grenzen stossen. In diese Bresche springt ein fast tot geglaubter Belag – das Vinyl.

Wie die Schallplatten aus Vinyl gibt nun auch der Bodenbelag aus diesem Material sein Comeback. Anders als bei den Tonträgern hat dies aber keine nostalgischen Gründe. Vinyl- oder Designbeläge, wie sie heute oft genannt werden, sind eigentlich nichts anderes als PVC-Beläge und kamen früher oft zum Einsatz. Damals verbaute man sie hauptsächlich noch in der vollflächig geklebten, 2,5 mm dicken Variante. Dann stellte sich heraus, dass gewisse Inhaltsstoffe negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben können (siehe Box), und daraufhin eroberten Laminatbeläge den Markt.

Naturoptik durch Synchronporen

«Mittlerweile hat das Vinyl dem Laminat aber wieder den Rang abgelaufen», sagt Patrick Iten, Experte für Bodenbeläge bei der Holzplatten AG in Samstagern SZ. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass die Hersteller ihre Produkte so weiterentwickelt haben, dass sie auf die problematischen Inhaltsstoffe weitestgehend verzichten können. Wie viele andere Werkstoffe gibt es sie in unzähligen, täuschend echt aussehenden Dekoren. Möglich machen dies Synchronprägungen, die der Oberfläche eine Struktur verleihen, die fast keine Wiederholungen erkennen lassen. Nebst dem geklebten, dünnen Belag gibt es das Vinyl nun auch als Dielen mit Klickverbindungen für die schwimmende Verlegung. Und das macht sie interessant für den Schreiner, da sie sich in der Verarbeitung kaum von Klicklaminat oder -parkett unterscheiden.

Die Beläge lassen sich mit normalen Schrei-nerwerkzeugen bearbeiten. «Je nach Produkt kann man sie auch tief einritzen und dann brechen», sagt Patrick Iten. Die meisten Hersteller bieten das Klickvinyl in zwei verschiedenen Stärken an, die üblicherweise plus/minus 5 oder 10 mm betragen. Bei der dickeren Variante setzen die Hersteller in der Regel noch Korkzwischenschichten ein, welche den Gehkomfort und die Trittschalleigenschaften verbessern. «Die Hersteller arbeiten aber bereits daran, die Korkschicht durch andere Materialien zu ersetzen», sagt Iten. Damit wären die dicken Designbeläge dann auch absolut wasserfest – so wie die dünneren Produkte. Das ist der grosse Vorteil dieser Bodenbeläge, sie können auch in Nasszellen oder stark frequentierten Eingangsbereichen eingesetzt werden. Dort kommen Laminate aufgrund des MDF- oder HDF-Trägers schnell an ihre Grenzen.

Untergrund richtig vorbereiten

Erst kürzlich konnte Patrick Iten für die Renovation eines Bergrestaurants einen Vinylbelag liefern. Zuerst habe man mit dem Gedanken gespielt, ein Parkett zu verlegen, berichtet Seby Elsener, Geschäftsführer der ausführenden Schreinerei Elsener aus dem zugerischen Finstersee. «Ausschlaggebend war am Ende das Gesamtpaket.» Denn das ganze Jahr über besuchen zahlreiche Wanderer das Restaurant, bringen Schmutz, Nässe und im Winter Schnee mit in den Gastraum. Bis anhin musste ein Klinkerboden, der direkt auf den Estrich verlegt worden war, diese Belastungen aushalten. «Bei einem Parkett hätte man den alten Boden komplett entfernen und den ganzen Aufbau neu machen müssen», sagt Seby Elsener.

Den Vinylbelag konnte man aber direkt darauf verlegen, nachdem die Unebenheiten mit einer Nivelliermasse ausgeglichen wurden. Um ganz sicher zu gehen, zog die Schreinerei für die Abklärungen noch einen Experten von der Sika AG bei. «Auch bei diesem Belag muss man sauber arbeiten, wenn man später keine Probleme will», sagt Elsener dazu. Sprich wie bei allen dünnen und flexiblen Böden müssen Unebenheiten beseitigt werden. Ansonsten zeichnen sich diese ab, oder im schlimmsten Fall können auch die Klickverbindungen brechen. Bedingt durch das verhältnismässig hohe Gewicht der Vinylbeläge legen sie sich noch stärker in solche Unebenheiten hinein und stellen sich nicht mehr zurück.

«Bei den dünneren, schwimmend verlegten Vinylbelägen ohne Korkschicht empfehlen wir zudem das Unterlegen eines Trittschallvlieses», sagt Patrick Iten. Denn bei schwimmend verlegten Böden können sich durch die Bewegungen mit der Zeit kleine Körnchen vom Estrich lösen. Beim Darübergehen entstehen dann unerwünschte Knirschgeräusche.

Robuste Nutzschichten

Richtig verlegt, sind Vinylböden sehr widerstandsfähig gegenüber mechanischen Belastungen. Möglich macht dies eine Nutzschicht aus Polyurethan, die bei stark beanspruchbaren Produkten bis zu 0,55 mm dick ist. Für weniger belastete Räume, beispielsweise im Wohnbereich, gibt es auch Beläge mit dünneren Nutzschichten. Sie weisen gute Eigenschaften auf bezüglich Rutschhemmung und sind einfach in der Pflege. Aspekte, die bei stark frequentierten Räumen wie in einem Restaurant oder einem Badezimmer, wo auch mal Wasser auf den Boden gelangt, durchaus wesentlich sind. «Obwohl unser Herz natürlich klar für Holz schlägt, war Vinyl in diesem Fall einfach die beste Lösung bezüglich Kosten-Nutzen-Verhältnis, zumal der Bauherr eine Holzoptik wünschte», sagt Elsener.

Kostenverhältnisse

Preislich sind 5- und 10-mm-Vinylprodukte etwa zwischen Laminat und Parkett einzuordnen, während die vollverklebten 2,5-mm- Beläge etwa im Bereich von Laminat liegen. «Aufgrund der grösseren Nachfrage und des wachsenden Angebotes sind die Preise sogar eher etwas gesunken», sagt Patrick Iten. Das ist nicht verwunderlich, denn kaum ein Bodenbelagshersteller oder -händler kann es sich noch leisten, nicht in diesem Segment mitzumischen. So haben mittlerweile auch viele Parkettanbieter entsprechende Produkte im Sortiment.

Qualität durch Entwicklung

Schwierig wird es, wenn es darum geht, die Qualität von Vinylbelägen abzuschätzen, da es sich doch um einen ganz anderen Werkstoff handelt, als der Schreiner normalerweise in den Händen hält. Patrick Iten rät beispielsweise, die Dekore genau anzuschauen: «Sind diese sauber verarbeitet und die Strukturen mit Synchronprägungen ausgeführt, dann ist dies ein Zeichen, dass der Hersteller seine Prozesse im Griff hat und seine Produkte stetig entwickelt.» Ebenfalls Hinweise liefern können die Klick-systeme. Viele namhafte Vinylhersteller setzen mittlerweile auf das bewährte und bekannte «Uniclic»-System. Ansonsten bleibt dem Verarbeiter nur, sich auf die technischen Angaben des Herstellers und die Erfahrungen des Händlers zu vertrauen.

Vinyl entsorgen

Ein Nachteil von Vinylbelägen ist nach wie vor das Entsorgen, sie müssen entweder der Kehrrichtverbrennung zugeführt oder recycliert werden. Bei der Wiederverwertung wird der Stoff eingeschmolzen und zu neuen Produkten verarbeitet. Allerdings bringt jeder Schmelzvorgang einen Qualitätsverlust mit sich. Alte Produkte wie beispielsweise Cushion-Vinyl können sogar noch mit Asbest belastet sein. Ganz unproblematisch ist die Entsorgung von Laminatbelägen allerdings auch nicht.

Ist man sich der Eigenschaften von Vinyl bewusst, dann stellen solche Beläge je nach Situation durchaus eine dauerhafte und somit auch nachhaltige Alternative dar. Ganz unberechtigt ist das Comeback also nicht – am Boden wie auf dem Plattenspieler.

www.holzplatten.chwww.elsener-schreinerei.chwww.wicanders.chwww.enia-flooring.comwww.suva.ch/asbest

Begriffe

Polyvinylchlorid (PVC)

PVC ist ein thermoplastisches Polymer, zählt zu den wichtigsten Kunststoffen und wird in Hart- sowie Weich-PVC unterteilt. Hart-PVC wird beispielsweise zur Herstellung von Fensterprofilen, Rohren sowie für Schallplatten verwendet. Weich-PVC enthält hingegen Weichmacher, die zu einem elastischen Verhalten des Materials führen. Sie werden für Bodenbeläge und Kabelummantelungen verwendet. Aufgrund seiner Widerstandsfähigkeit gegenüber mechanischen Belastungen, Sonnenlicht und Feuchtigkeit ist PVC äusserst langlebig.

Phthalate

Als Weichmacher kommen oft sogenannte Phthalate zum Einsatz. Gemäss verschiedenen Studien können diese Leber und Nieren schädigen, zu Unfruchtbarkeit sowie allergischen Reaktionen führen, und sie stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Deshalb kommen immer mehr phthalatfreie Produkte auf den Markt, seit 1999 ist in der EU der Einsatz des Stoffes in Kinderspielzeug sogar verboten. Kritiker dieser Untersuchungen geben allerdings zu bedenken, dass ein Mensch unter normalen Umständen kaum eine kritische Menge dieser Stoffe aufnehmen kann.

ph

Veröffentlichung: 04. Mai 2017 / Ausgabe 18/2017

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