«Der Hobel wird unwichtiger»

Bild: Mimi Potter, Fotolia.com

Technologie.  Industrie 4.0 ist das Schlagwort der Stunde, und trotzdem ist der Begriff für viele nicht richtig fassbar. Ein Experte der Berner Fachhochschule erklärt im Interview, was es damit auf sich hat und was es für den Schreiner und die ganze Holzbranche bedeutet.

SchreinerZeitung: Ist der Begriff Industrie 4.0 reine Geld- oder Angstmacherei?
Rolf Baumann: Ich bin schon vor einigen Jahren auf diesen Begriff gestossen und dachte anfänglich auch, es sei einfach ein neuer Modebegriff. Je länger ich mich aber damit auseinandergesetzt habe, desto mehr habe ich realisiert, dass es tatsächlich etwas umbruchartig Neues ist, eben die vierte industrielle Revolution. Übrigens finde ich den Begriff sehr unglücklich gewählt, da es nicht nur die Industrie, sondern alle betrifft. Deshalb spreche ich lieber von der digitalen Transformation.
Trotzdem tun sich viele schwer damit, und man hört ganz unterschiedliche Definitionen.
Das Problem ist, dass oft einfach einzelne Elemente, Prozesse oder Automatisierungsschritte herausgepickt werden. Da fragt man sich dann, was daran neu ist. Dabei wird die gesamte Dimension völlig ausser Acht gelassen. Es geht eben nicht nur um die interne Prozessautomatisierung, sondern auch um den direkten Einbezug von Kunden und Lieferanten, um intelligen- tere Produkte und um die Selbststeuerung hochvernetzter Systeme. Das alles hat eine Dimension, die natürlich sehr komplex, schwierig zu erfassen und zu kommunizieren ist.
Deshalb kann auch nicht einfach ein Projekt «Industrie 4.0» gestartet werden, welches nach einigen Monaten abgeschlossen ist. Es handelt sich um einen stetigen Prozess, mit dem sich ein Betrieb beschäftigen muss.
Hinzu kommt, dass diese Revolution vorausgesagt wird, während die letzten drei Revolutionen erst im Nachhinein als solche erkannt wurden. Kann man so etwas überhaupt?
Man meint es zumindest. Die vierte Revolution steht ganz klar unter dem Begriff Vernetzung. Und hier sieht man natürlich schon ein extremes, exponentielles Wachstum. Man muss sich diese gigantischen Zahlen mal vor Augen führen. Man schätzt, dass bis im Jahr 2020 über 50 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein werden. So eine Entwicklung bringt zwangsläufig Veränderungen mit sich. Ein weiteres Indiz sind die Wachstumsraten in der Forschung im privaten wie auch öffentlichen Sektor. Zum Beispiel in Deutschland hat nur der Staat schon über 200 Millionen Euro in die Forschung im Bereich digitale Transformation investiert. Hinzu kommt noch der private Sektor.
Wo steht hier die Schweiz?
Das ist schwierig zu sagen. Einige Unternehmen sind in diesem Bereich sehr innovativ. Bei anderen wiederum ist das Thema schlicht inexistent. Bei uns in der Forschung und Entwicklung ist das Thema auf jeden Fall angekommen.
Woran liegt das?
Teilweise ist das strukturell bedingt. Wenn man das auf die Schweizer Holzbranche herunterbricht, dann sind Unternehmen wie Bosch oder Siemens alleine viel grösser als die gesamte Schweizer Holzbranche zusammen. So entstehen ganz andere Dynamiken.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, von welchen Veränderungen die Rede ist?
Nehmen wir den Projektleiter einer Schreinerei: Er zeichnet heute seine Pläne im 2D- oder sogar schon im 3D-CAD. Künftig wird er vielleicht gar keine Pläne mehr zeichnen, sondern das Projekt in einer virtuellen Realität mittels Gesten interaktiv zusammenstellen. In Biel haben wir ein Virtual-Reality-Labor, wo wir auch Forschung in diesem Bereich betreiben. Die dazu benötigten Geräte sind ausserdem nicht mehr so teuer wie früher; heute kriegt man Sets für weniger als tausend Franken. Aus den gewonnenen Daten können dann automatisch die Produktionsdaten generiert werden. Das steigert die Flexibilität, insbesondere bei speziellen Möbeln zum Beispiel mit Schrägen und Rundungen. Aber auch in der Montage sind völlig andere Konzepte denkbar. Microsoft zeigt Ansätze mit ihrer Datenbrille «HoloLens».
Das automatische Generieren von Daten, Parameterisieren, die Vernetzung und Durchgängigkeit ist doch schon lange ein Thema?
Ja, das stimmt, es geht auch in die richtige Richtung, aber nur das alleine betrachtet ist noch nicht Industrie 4.0. Ein gut gepflegtes ERP auf dem Stand der Technik ist aber die Basis dafür.
Und dann?
Beispielsweise bei der Post kriege ich heute schon eine automatische Nachricht, wenn mein Paket unterwegs ist, ich kann es jederzeit verfolgen, den voraussichtlichen Liefertermin oder Zustellort ändern und erhalte eine Meldung, wenn das Paket geliefert wurde.
Kürzlich habe ich in einem renommierten Möbelgeschäft einen Tisch einer bekannten Schweizer Möbelmarke bestellt. Von Digitalisierung war da noch gar nichts zu spüren. Es wird Papier hin und her geschickt für Offerten, Bestellung, Rechnung usw. Für den Liefertermin musste man abklären lassen, auf welche Speditionstour es passt und an welchem Tag geliefert werden könnte. Das bei einer Lieferfrist von 15 Wochen. Vergleicht man den Service beim Postpaket für 7 Franken mit dem Service des Tisches für über 5 000 Franken, sollte das schon zu denken geben.
Es geht also nicht nur um die eigentliche Produktion und Rationalisierung?
Genau, heute muss man den Kunden viel mehr miteinbeziehen und somit auch begeistern können. Wir stehen unter anderem in Kontakt mit einem grossen Schweizer Küchenbauer. Wir wissen von ihm, dass Interessenten ihre Küche bei der Konkurrenz in Deutschland gekauft haben.
Logisch, wegen des Preises ...
Eben nicht, sondern weil sie das Einkaufserlebnis als besser einstuften, am Samstag vorbeigehen konnten und sofort ein individuelles Angebot mit Visualisierung und allem Drum und Dran auf dem Tisch hatten.
Viele haben auch Angst, dass das Schreinerhandwerk, die Passion, die Emotionen verlorengehen. Sind diese Ängste begründet?
Es wird sicherlich Veränderungen geben, denn Handarbeit ist einfach teuer. Dort wird man so oder so versuchen zu automatisieren, wo es geht. Deshalb darf man auch nicht nur das Bisherige rationeller und digital machen. Es wird neue Bedürfnisse geben, es werden andere Dienstleistungen und Einkaufserlebnisse gefragt sein. Es ist also ein riesiges Feld mit neuen Möglichkeiten, die auch wieder Arbeiten generieren, die anderenorts unbestritten wegfallen.
Dann stehen wir am Anfang vom Ende des Handwerks?
Es ist sicher nicht das Ende des Handwerks, aber der Anfang eines grossen Umbruchs. Die Revolution findet statt, sie ist unausweichlich, unumkehrbar und sie schreitet unwahrscheinlich schnell voran.
Klar sind auch Unsicherheiten dabei, aber man kann es als Chance annehmen und sich die Veränderung zunutze machen. Alles andere sind Nischen, die es immer geben wird, wie zum Beispiel Reparaturarbeiten, Restaurationen, Montagen oder spezielle Einzelstücke.
Wie kann sich der Schreiner auf diese Veränderungen vorbereiten, gibt es Ausbildungen dazu?
Wir sind daran, solche Angebote zu entwickeln, für den Holzbau und auch für den Schreiner. Das Ziel ist es, handfeste Tools zur Verfügung zu stellen, damit ein Unternehmer seinen Betrieb angesichts dieser Veränderungen richtig ausrichten kann. Meistens hat man ja keine grüne Wiese, sondern bestehende Infrastrukturen, Personal und Kundenstämme. Deshalb muss man Schritt für Schritt vorgehen, um seinen Betrieb Industrie-4.0-tauglich zu machen.
Welche Schritte könnten das sein?
Die wichtigste Rolle bei der vierten industriellen Revolution spielt nebst einem funktionierenden ERP die Vernetzung. Entsprechend kann ein erstes Ziel das papierlose Büro sein. Denn dann beginnt man automatisch damit, die Prozesse zu hinterfragen, zu vernetzen und zu automatisieren.
Dies hat man doch auch schon versucht.
Ja, und Untersuchungen haben gezeigt, dass danach mehr Papier verbraucht wurde als zuvor. Aber heute ist man aufgrund des technologischen Fortschritts in der Lage, das papierlose Büro umzusetzen. Smartphones, Tablets, Clouds, ständige Internetverbindung, all das gab es damals noch nicht.
Was wären die nächsten Schritte?
Danach kann man sich Gedanken darüber machen, wie die erwähnten Services und Erlebnisse für den Kunden verbessert werden können.
Hat man diese Prozesse im Griff, wird ein digitaler Zwilling der Produktion ein Thema. Sprich alle Anlagen und Produktionsschritte werden virtuell abgebildet und untereinander vernetzt. So kann beispielsweise das ERP mit der digitalen Produktion kommunizieren, wodurch weiter optimiert und automatisiert werden kann. Das ist natürlich schon höhere Schule und kostet etwas. In vielen Branchen wird daran aber bereits gearbeitet. Die Art und Reihenfolge der Massnahmen können betriebsspezifisch ab- weichen. Wichtig scheint mir ein Gesamtkonzept, innerhalb dessen schrittweise Mass- nahmen umgesetzt werden.
Wie wird Ihrer Meinung nach in 10 Jahren eine Schreinerei aussehen? Arbeitet dort überhaupt noch jemand in der Produktion?
Das ist eine wichtige und schwierige Frage. Ich bin der Meinung, dass sich wohl auch die Berufsbilder verändern werden und es vielleicht auch neue Berufe braucht. Der Computer wird noch wichtiger und der Hobel immer unwichtiger. Selbstverständlich bleibt die handwerkliche Grundausbildung ebenfalls ein wichtiger Pfeiler. Ich finde das eine gute Basis. Aber künftig wird man kaum noch von Hand mit einem Schleifklotz eine Ecke verputzen, weil es schlicht zu teuer sein wird.
Wird man in 100 Jahren in den Geschichtsbüchern lesen, dass die vierte industrielle Revolution so wie vorausgesehen eingetroffen ist?
Es wird sicherlich anders herauskommen, als wir uns das heute vorstellen. Aber das heisst ja nicht, dass man deshalb einfach nichts tun und abwarten soll. Das wäre absolut fatal. Man muss überhaupt nicht in Panik oder Aktionismus verfallen. Aber man sollte sich damit beschäftigen, sollte ver- suchen, die Chancen zu erkennen und sich in diese Richtung zu bewegen, indem man die Kundenbedürfnisse analysiert und sie mit den technologischen Hilfsmitteln zu erfüllen versucht.
Das liegt in unseren Händen, und das können wir jetzt schon tun. Keinen Einfluss haben wir hingegen auf den Fortschritt und den technologischen Wandel, das können wir nicht aufhalten. Wenn wir es nicht tun, dann tut es ein anderer, und wir sind weg vom Fenster.

Zur Person

Rolf Baumann ist Dozent für Wirtschaftsinformatik und stellvertretender Leiter Forschung, Dienstleistung, Weiterbildung an der Berner Fachhochschule. Er hat sich intensiv mit Industrie 4.0 auseinandergesetzt. Aus seinen früheren Tätigkeiten in den Bereichen Schreinerei, Innenarchitektur und Branchensoftware bringt er viel Erfahrung aus der Wirtschaft mit.

www.bfh.ch/holz40

ph

 

Veröffentlichung: 16. März 2017 / Ausgabe 11/2017

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