Das Ohr im Blick

Einfach und wirksam sind akustische Massnahmen an der Decke wie hier mit Holzwolleplatten von Troldtekt. Bild: Troldtekt

Akustik.  Bei Umbauten und Sanierungen bietet sich eine akustische Ertüchtigung von Räumen an. Solche Massnahmen werden im privaten Sektor auch ohne Fachplanung durchgeführt. Es hilft jedoch, die Grundlagen der Raumakustik zu kennen.

Mit dem Wunsch nach akustischer Ertüchtigung von bestehenden Räumen hat die Schreinerei Kipfer AG in Grellingen BL inzwischen viel Erfahrungen gesammelt. «Es kommt immer wieder vor, dass wir auf der Grundlage der ästhetischen Gestaltung des Innenarchitekten diesem einen Vorschlag für die Umsetzung und Materialisierung unterbreiten», sagt Marc Bäschlin, Mitglied der Geschäftsleitung. Materialkompetenz sei gefragt, denn das Angebot an akustisch wirksamen Werkstoffen und Produkten ist enorm gross.

Selbst viele Architekten würden längt nicht die ganze Palette kennen. Und gerade bei Umbauten, nicht nur für den privaten Wohnbereich, seien Erfahrungswerte und Wissen über die akustischen Grundlagen und Zusammenhänge durchaus gefragt. Denn da ist meist kein Bauphysiker in Gestalt eines Akustikers mit von der Partie.

«Dabei ist gerade der private Bauherr besonders dankbar für Massnahmen, die zur akustischen Verbesserung der Räume führen», weiss Markus Bürgi, Geschäftsführer der Akustik & Raum AG aus Olten SO. Wenn sich das Unternehmen mit seinen Akustik-Produkten an Messeveranstaltungen präsentiert, würden öfter private Bauherren auf sie zukommen. «Dann hören wir, dass das akustische Ergebnis im Vorfeld einer Massnahme nicht bekannt war und auch der Architekt vorab nicht wirklich dazu informiert hatte. Aber genau das müsste er leisten», sagt Bürgi. Insgesamt werde der akustischen Raumplanung in den letzten Jahren mehr Beachtung geschenkt. Entworfen werde aber trotzdem noch zu oft vor allem für das Auge und weniger für das Ohr der Benutzer. «Aber es geht voran. Das Bewusstsein für Raumakustik wächst bei den Beteiligten zwar gemächlich, aber doch stetig», sagt Bürgi.

Es wird genauer hingehört

Diesen Eindruck bestätigt Georg Hegglin, CEO der NH Akustik + Design AG aus Lungern OW. «Planung und Ausführung von Massnahmen zur verbesserten Akustik werden heute stärker beachtet als noch vor zehn Jahren», sagt Hegglin. Dies betreffe vor allem die Architekten. Es gingen aber auch immer mehr Anfragen aus dem privaten Bereich ein. Hier gebe es offensichtlich einen nicht zu unterschätzenden Nachholbedarf. Denn jeder kennt es: Man speist im voll besetzten Restaurant, und nach dem Essen klingeln einem schon bald die Ohren. Anders im Falle des Restaurants Union in Basel. Der Architekt hat schallabsorbierende Deckenelemente geplant und wollte eine geschweifte Theke mit Holzlamellen umsetzen. «Hier konnten wir dem Architekten einen Vorschlag mit akustischer Wirkung machen, der dann auch umgesetzt wurde», berichtet Bäschlin.

Es kommt entscheidend auf die Raumnutzung an. Unterhalten sich in einem Raum 5 Menschen noch entspannt, so kann derselbe Raum bei 50 Personen längst unerträglich laut sein. Die Folge ist Stress, ob dies nun im Restaurant, im Büro oder mit tobenden Kindern zu Hause ist. Die aktuellen Modetrends des Wohnens unterstützen die schlechte Akustik. Vorhänge und Teppiche sind selten geworden. Grosse Glasflächen, Sichtbeton und harte Böden und relativ leere Räume verunmöglichen den guten Raumklang. «In solchen Räumen braucht es zu den reflektierenden Flächen zwingend schallabsorbierende Elemente. Gerade im privaten Bereich lässt sich mit relativ geringem Aufwand im Verhältnis zur eingesetzten Bausumme für Umbauten eine gute Akustik erzielen», weiss Bürgi.

Etwas Theorie hilft weiter

Eines vorweg: Die durchaus verbreitete Meinung, dass mangelhaftem Schallschutz innerhalb eines Gebäudes mit raumakustischen Massnahmen begegnet werden kann, ist falsch. Wer sich durch seinen lauten Nachbarn gestört fühlt, dem hilft die Umsetzung von raumakustischen Massnahmen kaum weiter.

Alle Werkstoffe, ihre Anordnung, Grösse und Oberflächenbeschaffenheit in einem Raum absorbieren und reflektieren Schallwellen. Glatte Flächen der gängigen Materialien gelten in der Regel als «schallhart». Das heisst, die auftreffende Schallenergie wird zum grössten Teil reflektiert. Das gilt nicht nur für Glas und Beton. Auch Holz, zumal wenn es mit Lack beschichtet ist, reflektiert den Schall und ist damit akustisch gesehen eher hart. Je grösser die harten Flächen in einem Raum, desto umfänglicher werden Schallwellen reflektiert. Damit steigt die wichtige akustische Kenngrösse der Nachhallzeit bis hin zu einem Echo oder Flatterecho, wenn etwa grosse Glasflächen im Spiel sind. Eng, aber komplex verbunden mit der Nachhallzeit ist die Sprachverständlichkeit in einem Raum. Beide hängen voneinander ab. Mit zunehmender Nachhallzeit nimmt die Sprachverständlichkeit in einem Raum ab. Die Akustiker gehen in ihren Berechnungen und Analysen noch mit einer Reihe weiterer Kenngrössen um. So spielen etwa die Raumform, dessen Volumen und die Richtung der Schallausbreitung eine wichtige Rolle. Für den Praktiker ist aber die Nachhallzeit der ganz entscheidende Faktor. «Das Wichtigste für eine gute Raumakustik ist genügender Einsatz von absorbierender Fläche im Verhältnis zur Fläche der schallreflektierenden Materialien. Nur so lässt sich die Nachhallzeit erreichen, die der Akustiker je nach Nutzung fordert», erklärt Bürgi.

Wege zum guten Ton

Es kommt also darauf an, genügend absorbierende Elemente in ausreichender Fläche zu installieren. Die dazu nötigen Absorber lassen sich grob in drei Gruppen einteilen. Zum einen sind dies Materialien, die sichtbar zellulär aufgebaut sind, wie etwa Holzwolleplatten, und die durch die Zwischenräume im Material den Schall absorbieren. Zum Zweiten geht es um Werkstoffe, deren harte Oberflächen durch Ausfräsungen geöffnet werden. Durch diese Öffnungen gehen die Schallwellen hindurch und werden dahinter von einem offenporigen Vlies absorbiert. Nachteilig bei diesem System ist manchmal, dass beim Betrachter ein sogenannter Moiré-Effekt auftreten kann. Dabei geht es um Überlagerungen von sogenannten Interferenzmustern, die optisch verwirrend wirken können. Bekannt ist dies auch bei Vorhängen, wenn die grobe Struktur mehrerer Lagen hintereinander zu einer verwirrenden Wahrnehmung führt. «Auch Staubablagerungen sind hier nicht zu vernachlässigen, gibt es doch immer mehr Allergiker», sagt Bürgi.

Bei der dritten Gruppe, den perforierten Produkten, ist dies weniger ein Problem. Nach einer Mikroperforierung durch Stanzungen, Nadelungen, seltener auch durch Bohrungen, sind die Öffnungen kaum sichtbar und offenbaren sich erst, wenn das Auge nahe am Material ist, was etwa bei Deckenverkleidungen kaum der Fall sein dürfte. Mikroperforation lässt die Schallwellen durch und absorbiert diese im Inneren des Plattenwerkstoffes durch seinen kammerartigen Aufbau. «Diese akustisch effizienteste Konstruktion wird auch bei Sanierungen in der Denkmalpflege eingesetzt und führt auch durch den Einsatz bei Möbelfronten und Innenausbauten zu besserer Raumakustik, insbesondere wenn diese gegenüber von grossformatigen Glasflächen platziert sind», erklärt Bürgi.

Dabei «quälen» sich die Schallwellen durch die Öffnungen dem Strömungswiderstand der Luft entgegen. So entsteht Reibung und damit Wärme, wodurch wiederum das Energielevel der Schallwellen sinkt. Eine Fläche ohne Durchlässe, wie eben eine Perforation, hat kaum einen Strömungswiderstand und kann deshalb akustisch kein Absorber sein.

Wie entscheidend dieses Prinzip ist, verdeutlicht Bürgi an einem konkreten Beispiel. «Vergleicht man eine HPL-Platte und eine Dreischichtplatte in Fichte hinsichtlich der akustischen Eigenschaften, dann klingt die HPL-Platte in unseren Ohren zunächst deutlich steriler. Wenn beide Flächen im gleichen Lochverhältnis perforiert werden, ist der Unterschied der beiden Materialien für den Höreindruck dagegen kaum mehr wahrnehmbar.»

Die Planung beim Umbau

Jede akustische Planung setzt die Berücksichtigung der späteren Nutzung voraus. Denn die akustischen Eckdaten hängen allesamt davon ab. So sind die Absorber-Produkte nicht in allen Frequenzbereichen gleich wirksam, weshalb man das Auftreten der Schallarten kennen muss. Heikel ist das bei flexiblen Nutzungsformen. Solche Räume sollten nicht ohne Fachplaner angegangen werden. Kleinere und einfach strukturierte Räume des alltäglichen Lebens können meist auf der Grundlage einer vereinfachten Methode mittels Nachhallzeit geplant werden. Manchmal reicht auch schon die Erfahrung der Beteiligten für eine Einschätzung aus. «Für kleine, private Räume haben wir ein einfaches Berechnungstool, mit dem wir recht schnell die Massnahmen herleiten können. Der Schreiner und andere haben so Planungssicherheit», erklärt Bürgi. Der Planungsablauf von Umbauten oder im Bestand unterscheidet sich nur geringfügig vom Verfahren bei Neubauten. Grosser Vorteil bei Schall-Ertüchtigungen ist, dass die Experten vor Ort dank Messungen und mit Einschätzungen die Schwachpunkte direkt erfahren können, es also einfacher wird, eine geeignete Massnahme zu finden. «Wir beraten die Architekten, aber durchaus auch den Schreiner oder den Bauherren. Inzwischen haben wir viel und lange Erfahrung und können so auch schon mal für eine einzelne kleine Massnahme eine wirksame Lösung finden. Akustische Massnahmen bringen immer etwas. Die Frage ist ja, ob das gewünschte Ziel am Ende erreicht wird», sagt Hegglin.

Montage ist auch wichtig

Da sich Schallwellen glockenartig ausbreiten, ist ein Blick zur Decke meist die erste Wahl. Jedoch sind Massnahmen an der Decke nicht immer möglich. Dies etwa, weil mit manchen Produkten wegen der Absorberschicht eine ansehnliche Aufbauhöhe eingeplant werden muss. Oft fehlt es dann an Raumhöhe. Deshalb sollten die Leistungsdaten von akustischen Materialien mit dem Fachlieferanten immer für den konkreten Fall diskutiert werden. «Es gibt zum Teil Produkte, bei denen ich mich durchaus frage, wie die angegebenen Leistungsdaten erreicht werden können. Tests erfolgen immer unter Laborbedingungen», erklärt Hegglin. So manche Produkte haben auch gar keine Prüfnachweise. Die Experten warnen dringend davor, solche Produkte einzusetzen. Seriöse Anbieter von absorbierenden Materialien hätten die entsprechenden Prüfnachweise, und so könne das Ergebnis auch vorab berechnet werden. «Vorausgesetzt, die Montage erfolgt fachgerecht. Auch dabei können Fehler zu verschlechterten Ergebnissen führen», sagt Hegglin. Selten sei es auch schon vorgekommen, dass eine Massnahme zu gut wirke. «Das wird dann als unangenehm empfunden. Wenn eine akustische Ertüchtigung zu wirksam ist, was gerade bei flexiblen Raumnutzungen schon aufgetreten ist, kann sogar ein Rückbau nötig werden», sagt Hegglin.

www.kipfer.agwww.roser-swiss.comwww.akustik-raum.chwww.topakustik.chwww.makustik-paneelen.ch

ch

Veröffentlichung: 16. Juli 2020 / Ausgabe 29-30/2020

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