Das Leichte ist das Schwere

Von der Idee bis zum fertigen Prototyp dauert es bei ZZ Design rund einen Tag. Bild: ZZ Design

Schmuck aus Furnier.  Nach Jahren als Schreinerwerkmeister und als Aussendienstmitarbeiter macht der Rheintaler Marcel Zünd mit filigranem Schmuck aus Furnier Furore. Noch gilt es, einige Hürden zu nehmen – die Corona-Krise ist eine davon.

Sie ist gross und von kühler Eleganz. Fleis-sig, effizient, diskret und zuverlässig. Kein Wunder, hat sie ihren Stammplatz prominent gleich beim Eingang der Werkstatt. Frei von Fehlern ist allerdings nicht einmal sie – ihr Geruch ist ein Kapitel für sich. Und, auch das muss gesagt sein: Manchmal hinterlässt sie dunkle Spuren. Hergeben würde Marcel Zünd seine Lasermaschine trotzdem nicht mehr, schliesslich ist sie die wichtigste Stütze im jungen Unternehmen namens ZZ Design, dessen Inhaber und Geschäftsführer er ist.

In der Werkstatt in Altstätten SG ist es bis auf das leise Summen des Lasers still. Gerade versieht die Maschine in ihrer emsigen Art hölzerne Grillzangen mit dem Schriftzug eines Unternehmens. Marcel Zünd wirft einen Blick auf die gravierten Buchstaben, nickt zufrieden. Denkt er zurück an die Anschaffung vor rund drei Jahren, kann er sich ein Grinsen nicht verkneifen: «Meine Pläne, aus Furnier Schmuck herzustellen, waren schon ziemlich ausgereift. Dafür brauchte ich einen Laser, und zwar ein Modell im oberen Preissegment, was meine Frau Anita nicht gerade begeisterte. Das Loch in unserer Kasse bereitete ihr Sorgen», erinnert er sich. «In jener Zeit verbrachten wir zusammen ein Wochenende in Amsterdam, und plötzlich sah ich überall nur noch gelaserte Dinge: ‹Läck, schau mal, sogar das ist gelasert›, rief ich praktisch nonstop, bis sie entnervt abwinkte und mir sagte, dann solle ich den Laser halt kaufen.»

Schreiner, Werkmeister, Aussendienstler

Die Lasermaschine steht als Symbol für den beruflichen Neustart des Rheintalers. Dabei kann er durchaus mit einer rasanten Karriere aufwarten. Nach der Schreinerlehre übernahm er bereits mit 22 Jahren die Leitung einer Schreinerabteilung in einem Betrieb, bildete sich dann auf dem Bürgenstock zum Werkmeister weiter, sammelte Erfahrungen in Schreinereien und Zimmereien, wurde Lehrlingsexperte, wechselte in den Aussendienst und konnte im Verkauf auch seine kreative Seite ausleben – mit Flyern bis zu Events. Doch mit der Zeit wurden die Tage im Verkauf strukturierter, die Freiheiten kleiner. Gleichzeitig vermisste er das Handwerk, und in ihm machte sich der Wunsch breit, «irgendnäbis» Neues zu machen. «Irgendnäbis», das Handwerk, Marketing und Verkauf vereint, das nicht viel Platz brauchte und sich an Märkten gut verkaufen lässt. Und dieses «Irgendnäbis» stellte sich alsbald als Schmuck heraus. Aus Holz, aber keineswegs klobig sollte er sein. Federleicht und filigran.

Am selbst geschreinerten Esstisch aus Nussbaum eine Etage über der Werkstatt nimmt er ein breites Armband aus Furnier in die Hand, fährt mit dem Zeigefinger sachte über die feine Struktur: «So etwas ist nur mit Laser möglich», sagt er. Der Prototyp hat ihn einige Stunden Knobelei gekostet. Es sei nicht einfach gewesen, die runde, biegsame Form mit dem Verschluss richtig hinzukriegen, ohne dass es «alles verjagt».

Geburtsstunde mit Ohrhängern

Die Lösung fand er nach einigem Tüfteln in Form eines Spezialleims. Heute ist das Armband aus dem Sortiment nicht mehr wegzudenken: Die Kundschaft hat die Qual der Wahl zwischen vier Hölzern, ebenso vielen Strukturen, sechs Längen und zwei Breiten.

Doch nicht das Armband, sondern Ohrhänger waren die allerersten Schmuckstücke, die hier in der Werkstatt im Herbst 2017 entstanden. Und nicht etwa Marcel Zünd designte sie, sondern seine Frau Anita. «Sie wagte den Schritt zuerst, nachdem ich ihr das Zeichnen mit CAD in einem Schnellkurs beigebracht hatte», erinnert sich der 46-Jährige. Punkto CAD zählt Zünd zu den alten Füchsen: Er gehörte 1998 zum ersten Lehrgang auf dem Bürgenstock, der in CAD geschult wurde. Einen Tag lang sass Anita Zünd über dem Design, dann waren die Ohrhänger «Sol» gezeichnet. «Da hat es ihr den Ärmel reingenommen», sagt Marcel Zünd mit einem Schmunzeln.

Er passte beim Auslasern die Proportionen ein wenig an, schliff und ölte die Ohrhänger – es war die Geburtsstunde der eigenen Schmuckkollektion «made by ZZ Design». Die beiden Z stehen für Zünd & Zünd. Inzwischen ist ein Familienunternehmen daraus geworden, eine der beiden Töchter präsentiert die Schmuckstücke als Model.

Feuertaufe am Altstätter Klausmarkt

In der Startphase mischte sich bald Aufregung ins euphorische Schaffen der beiden: Bereits nach drei Monaten stand mit dem legendären Klausmarkt in Altstätten die Feuertaufe an – bis dahin musste eine erste Kollektion stehen. Das schaffte das Ehepaar mühelos, nur: Wie würde der ungewohnte Schmuck bei den Marktbesuchern ankommen? «Ich war schon etwas nervös», gesteht Marcel Zünd. «Glücklicherweise vergeblich: Unser Stand wurde regelrecht belagert. Anhänger, Ohrstecker, Fingerringe und Armbänder gingen weg wie warme Brötchen.» Natürlich seien zahlreiche Freunde und Bekannte aus dem Städtchen gekommen, aber nicht nur. Dass sie mit ihrem Schmuck einen Nerv getroffen haben, zeigte die Bilanz nach dem Klausmarkt. «Vor allem das geringe Gewicht hat den Leuten sehr gefallen. Viele zeigten sich begeistert darüber, dass wir mit Holz ein Naturprodukt verwenden. Und auch Form und Design vermochten zu überzeugen.»

Vom Entwurf bis zum Verkauf

Von da an kam der neue Geschäftszweig rasch ins Rollen. Es folgten neue Designs, Kleinserien, Einzelanfertigungen auf Wunsch, weitere Märkte. Für Marcel Zünd ging ein Traum in Erfüllung: «Vom ersten Entwurf bis zum Verkauf am Marktstand den ganzen Prozess selber zu gestalten, ist ein gutes Gefühl.» Rund einen Tag dauert es, bis ein neues Schmuckstück gezeichnet und ausgetestet ist. Die drei Furnierschichten werden verleimt, das Auslasern erledigt der Laser in nur 30 Sekunden. Danach folgen Schleifen – wobei Brandspuren so gut wie möglich eliminiert werden – Ölen und schliesslich Trocknen. Zum Abschluss montiert Anita Zünd die Stecker oder Ringli. «Sie ist feinmotorisch viel begabter als ich», sagt er.

Als grösste Herausforderung im Produktionsprozess nennt er die CAD-Vorlage: Was am Bildschirm lasertauglich aussieht, entpuppt sich beim Testlauf oft als untauglich. «CAD-Zeichnungen sind trügerisch», sagt Zünd. Ein zweiter Punkt ist das Furnier, das sie zwar aus der Schweiz beziehen – aber ohne Garantie, ob es wirklich Schweizer Holz ist. Denn aktuell gibt es hierzulande keine Firma mehr, die Furnier herstellt. Trotzdem findet nur einheimisches Holz den Weg in die Werkstatt, zum Beispiel Nussbaum, Birne, Apfel, Ahorn, Esche, Räuchereiche und «Stone»-Eiche.

Von der Corona-Krise ausgebremst

So reibungslos die Produktion von Anfang an verlief, so aufwendig und anspruchsvoll entpuppte sich das Drumherum, namentlich Werbung, Verkauf und Vertrieb. Das Marketing frass mehr Zeit als gedacht, und plötzlich musste sich der Altstätter mit Plattformen wie Instagram auseinandersetzen, obwohl das «gar nicht meine Welt ist». Der Aufwand sei grösser als angenommen – und auch das Fachwissen, das dahinter stecke. Inzwischen hat Marcel Zünd sein Netzwerk um eine professionelle Fotografin und eine Marketingfachfrau erweitert, ein befreundeter Webmaster gab ein Coaching. Die grösste Hürde aber kam nun dieses Jahr mit der Corona-Pandemie: Von einem Tag auf den andern wurden die Märkte abgesagt, und die Geschäfte, die den Schmuck vertrieben, mussten schliessen. In dieser Zeit war der Jungunternehmer doppelt froh um sein zweites Standbein im Verkauf, das er nun auf 40 Prozent reduziert hat.

Mehr und mehr externe Aufträge

Mittlerweile füllt sich sein Terminkalender langsam wieder, und erste Märkte sind eingetragen. Dazu trudeln immer mehr Anfragen fernab des Schmucks ein: Eben hat er einen Prototyp einer Holzsäule für Desinfektionsmittel kreiert. Eine Uhr mit Scherenschnittmotiv, einen gelaserten Lampenschirm, dessen Lichtreflexe die Werkstatt in warmes Gelb hüllen. Eine Verpackung für eine Weinflasche, mit den Sujets der Etikette. Die Aufträge machen ihn zufrieden: «Sie fordern mich kreativ heraus.» Auch Gravurarbeiten gehören dazu und neu auch Laserarbeiten auf Metall.

Bald kann ZZ Design sein dreijähriges Bestehen feiern. Was an Überraschungen noch kommen mag – das Paar nimmt es gelassen. Denn ein Ziel steht bereits fest, sofern Corona keinen zweiten Strich durch die Rechnung macht: Am 10. Dezember findet der Klausmarkt in Altstätten statt. Und die Diskussion über den Preis der Lasermaschine ist vom Tisch. Die kühle Elegante hat sich längst etabliert.

www.zzdesign.ch

Franziska Hidber

Veröffentlichung: 27. August 2020 / Ausgabe 35/2020

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