Auf den Spuren eines Schlittens


Schlittenfahrten von Davos nach Klosters um 1890: Sie gaben dem Schlitten seinen Namen. Bild: Dokumentationsbibliothek Davos
Schlittenfahrten von Davos nach Klosters um 1890: Sie gaben dem Schlitten seinen Namen. Bild: Dokumentationsbibliothek Davos
Geschichte. Zwei Kufen, fünf Holzlatten und eine Kordel: Der Davoser Schlitten wird weltweit konstruiert. Begonnen hat seine Geschichte 1883 am ersten Schlittenrennen in Davos. Ein Besuch bei zwei Schreinereien, die sich mit dem einfachen Transportmittel beschäftigen.
Schlitten setzte man im Alpenraum schon lange für Heu-, Holz- und Gütertransporte ein. Seit über 130 Jahren wird der klassische Davoser Schlitten tausendfach kopiert und produziert – nur nicht mehr in Davos. Vor vier Jahren kam er wieder an seinen Ursprung zurück.
«Für uns ist der Davoser Schlitten nicht nur ein Stück Regionalgeschichte. Er ist auch ein Stück Familiengeschichte», sagt Paul Ardüser, Chef der Schreinerei Ardüser in Davos Platz in Graubünden. Zum 150-Jahr-Wintertourismusjubiläum hatte sich Ardüser ein Ziel gesetzt: die Schlittenproduktion in Davos wieder aufleben zu lassen. «Der Davoser Schlitten gehört zu Davos und als einheimische Handwerker begannen wir, den Schlitten mit regionalen Produkten in Handarbeit wieder herzustellen», sagt Paul Ardüser. Er startete eine Crowdfunding-Kampagne mit dem Ziel, 16 000 Franken in hundert Tagen zusammenzutragen, um zwanzig Schlitten vorfinanzieren zu können. «Nach 14 Tagen war das Ziel erreicht, nach 100 Tagen befanden sich 43 000 Franken auf dem Konto.»
Auch der Wagner Erwin Dreier kennt sich mit Davoser Schlitten aus. Der Geschäftsführer der 3R AG aus dem thurgauischen Sulgen erzählt: «Die Schlittenhersteller von damals waren viele kleine Wagnereien in der ganzen Schweiz, welche die Kufen ab 1937 aus Sulgen und vorher aus Frauenfeld bezogen haben.» In der kleingewerblich geprägten Schweiz von damals gab es den Hersteller des Davosers nicht. Die Schlitten von Jeyabalan Kavithas Kavi in Peist, Walter Caprez in Küblis oder Peter Egli-Walli in Conters kämen dem Schlitten von damals technisch und optisch viel näher als alles andere, erklärt Dreier. «Den Davoser Schlitten als Begriff gäbe es ohne die Wagner im Rest der Schweiz wahrscheinlich gar nicht.»
Zwei Kufen, fünf Holzlatten und eine Schnur, um ihn zu ziehen: Der Davoser Schlitten ist einer der meistbenutzten Holzschlitten. Die Konstruktion macht ihn besonders. Für die nötige Stabilität sorgt ein Zugeisen zwischen den Hörnern, welches die beiden mit Eisen beschlagenen Holzkufen verbindet. Am Zugeisen hängt meistens eine Schnur oder eine Lederleine. Und in grossen Lettern ist das Wort «Davos» eingebrannt. Der Davoser Schlitten ist traditionell aus Eschenholz gefertigt und 80 bis 130 Zentimeter lang. Im 19. Jahrhundert entwickelten Schreiner aus Davos die leichten norwegischen Schlitten weiter. Der Unterschied ist nicht gross, er liegt in der Bauweise. Beim Davoser Exemplar sind die Latten auf die Tragjoche aufgeschraubt und ragen hinten frei heraus.
Seinen Namen bekam der Schlitten am ersten Schlittenrennen am 12. Februar 1883 in Davos. Damals schon brausten tollkühne Piloten auf den Holzschlitten die verschneite Hauptstrasse von Davos Wolfgang bis nach Klosters hinunter.
Erwin Dreier zweifelt an der Entstehungsgeschichte des Schlittens. «Ich habe da meine Fragezeichen. Der Davoser ist ja die einfachste und logische Art, einen Schlitten herzustellen: zwei Kufen, zwei Böcke und Latten von oben aufgeschraubt.» Dreier denkt eher, dass ortsansässige Wagner den Schlitten für den Alltag der Leute bauten. Dann seien die ersten Wintertouristen gekommen und hätten damit Rennen veranstaltet. «Der Mythos Davoser Schlitten hat wenig mit den Eigenschaften des Produkts zu tun. Für mich ist er ein Symbol für den Ursprung des Wintersports.»
Wer darf den Schlitten lizenzrechtlich bauen? «Alle und ein jeder. Es ist leider so, dass der Davoser nie geschützt war», sagt Erwin Dreier. Das hatte man vor Jahren verpasst und heute werden vorwiegend im Osten günstige Schlitten gebaut. Der Schlitten wurde jedoch schon in den Anfängen ausserhalb von Davos gebaut. Davoser anschreiben darf aber nur, wer den Schlitten in der Schweiz produziert. Gemäss Dreier hat dies mit der Swissness-Gesetzgebung respektive deren Anwendung zu tun.
Nicht aus Davos, sondern aus Tschechien kommen die Davoser Schlitten von der Landi für 49.50 Franken. Auf Anfrage teilt die Landi Schweiz AG in Dotzigen mit: «Der Produzent liefert gute Qualität zu einem guten Preis. Deshalb sahen wir uns bisher nicht dazu veranlasst, diesen zu wechseln.» In den Schlitten von Dreier steckt trotz moderner Technik und Maschinen viel Handarbeit. «Ein Kantholz oder Brett auf ein Förderband legen und hinten kommt ein fertiger Schlitten heraus, eine solche Maschine gibt es bei uns nicht», sagt Erwin Dreier. Eigenschaften wie eine leichte und sichere Lenkbarkeit, ein guter Lauf sowie Stabilität erfordern Know-how, beste Rohstoffe und Einfallsreichtum. Dreier verwendet nur harte und strapazierfähige Esche. 239 Franken kostet ein Schlitten aus Sulgen.
In der Schreinerei Ardüser, die heute 16 Angestellte beschäftigt, ist mit der Jubiläumsaktion die handwerkliche Schlittenproduktion wieder erwacht. Sie sei, so Paul Ardüser, aufgrund des Baubooms und der vielen, im Ausland hergestellten Konkurrenzprodukte 1954 in Vergessenheit geraten.
Seit 1928 fertigt die Schreinerei Ardüser nun Davoser Schlitten von Hand. Remo Brülhart, verantwortlich für die Produktion der Davoser Schlitten bei Ardüser, sagt: «Heute stellen wir jährlich wieder 30 bis 40 Davoser Schlitten nach alter Tradition und aus Schweizer Esche her.» Es werde weitmöglichst alles von Hand gemacht. Gewisse Teile fräse man aber mit einer CNC-Fräse, was natürlich keine klassische Handarbeit mehr sei.
Der Einplätzer von Ardüser besteht inklusive Beschläge und Schrauben aus 62 Teilen. In jedem Schlitten stecken etwa sieben Stunden Arbeit. Gemäss Brülhart werden die Metallteile ebenfalls von Hand und in der Schweiz gefertigt. Die Eisenkufen bezieht die Schreinerei von einem einheimischen Schlosser und auch die Kordel stammt aus der Region. Nach alter Tradition verwendet man bei Ardüser Eschendübel statt Leim für die Sicherung der Steckverbindungen. Für die Oberflächenbehandlung kommt kein Lack, sondern Öl zum Einsatz. «Deshalb sind unsere Schlitten keine Massenware und somit auch teurer.» Der 930 Millimeter lange Einplätzer kostet 691 Franken. «Original Davoser Schlitten bauen nur wir in Graubünden.» Es gebe noch andere Produzenten im Kanton, die eigene Schlitten herstellten: einen im Prättigau und einen im Schanfigg, weiss Remo Brülhart.
Inspiriert von den Plänen des Grossvaters, gepaart mit der traditionellen Schlittenhandwerkskunst, denken die Schreiner Altes neu. Der 7,5 Kilogramm schwere Schlitten soll eben ein echter Davoser und eine Hommage an das Handwerk sowie das traditionelle heimische Gewerbe sein – ein Gegenstück zu Schnelllebigkeit und Massenfabrikaten.
www.ardueserschreinerei.chwww.3-r.chVeröffentlichung: 21. Februar 2019 / Ausgabe 8/2019
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