Architektur auf der Walz

Sieht aus wie ein Grosses, ist aber mobil: Ein Tiny Home aus St.Gallen ist bezahlbar und lässt für manche Menschen einen Traum wahr werden. Bild: Tiny Home

Temporäre Bauten.  Architektur mit Ablaufdatum und mehreren Leben hält langsam Einzug in die Realität. Wie eine sich wiederholende Nutzung auf Zeit aussehen kann, zeigen drei Beispiele temporärer Architekturkonzepte.

Nichts ist so beständig wie das Provisorium, hört man gelegentlich in Kreisen von Planern. Im Unterschied zum Provisorium verfolgt die temporäre Architektur ein Konzept der immer wiederkehrenden Verwendung. Sprich: Man nutzt die temporäre Architektur, die auch als Provisorium dienen kann, für einen bestimmten Zweck auf Zeit, und danach wiederholt sich das Ganze. Das kann am selben oder an verschiedenen Orten sein für die immer gleiche oder unterschiedliche Nutzungen. Der konzeptionelle Ansatz samt Konstruktion und Eignung für den Auf- und Abbau ist deshalb anspruchsvoll. Das Provisorium wird meist nach getanem Dienst zerstört, die temporäre Architektur soll möglichst oft ihren bestimmungsgemässen Zweck erbringen.

Modell für den raschen Wandel

Temporäre Bauten können viele Gesichter haben, und sie sind nicht neu. Schon zu Zeiten des Barocks sollen etwa Ehrenpforten mit Ablaufdatum errichtet worden sein. Der Klassiker ist der Einsatz bei einer Expo. So wurde der Crystal Palace für die erste Weltausstellung 1851 in London errichtet und später in der Stadt an einem anderen Ort wieder aufgebaut. Die Einsatzgebiete temporärer Architektur sind schier unendlich. Von der Behelfsbrücke über Container, Messebau und Zelte, Verkaufs- und Promotionsstände bis hin zu Filmkulissen, um nur einige zu nennen.

Sie können auch helfen, um akute Notsituationen zu lindern, etwa nach Naturkatastrophen.

Das Haus huckepack

Auch Tiny Houses können als temporäre Bauten dienen, sofern sie für die Mobilität geplant werden. Dafür braucht es eine selbsttragende Konstruktion, damit ein Kran sie auf einen Anhänger heben kann. Oder man errichtet das Werk direkt auf einen mobilen Unterbau oder – falls es sich um einen Platz auf dem Wasser handelt – auf Schwimmkörpern, den sogenannten Pontons. Verschiedene Modelle von Tiny Homes mit und ohne Fahrwerk bietet Martin Schilling in St.Gallen seiner Kundschaft an. Die ortsunabhängigen kleinen Häuschen sind in Holz-Ständerbauweise errichtet. Ökologie sei wichtig beim ganzen Thema und das Gefühl zurück zur Natur eine treibende Kraft der Interessierten, erklärt Schilling. Weiteres Motiv: weniger Haushalt, mehr Heim.

Damit alles passt, können die Innenräume der verschiedenen Modelle von Tiny Home dank offener Grundrisse individuell angepasst werden, je nach Bedarf der Bewohner.

Aber beim Ganzen gebe es auch Herausforderungen. So benötige es eine ausgeklügelte Planung und Organisation, damit mit dem begrenzten Platz alle notwendigen Funktionen untergebracht werden könnten. «Zudem müssen die Bewohner oft Kompromisse bei ihrem Lebensstil eingehen, um in einem so kleinen Raum zu leben», sagt Schilling.

www.tinyhome.ch

Zimmer auf Abruf

Rod sei aus dem Gedanken heraus entstanden, temporäre Architektur sinnvoll zu gestalten, erklärt Frieder Braun vom genossenschaftlichen Architektur- und Planungsbüro Waldner Partner in Zürich. Rod steht für «room on demand», also in etwa Zimmer auf Abruf. Anlass für die Entwicklung von Rod war die Uhren- und Schmuckmesse Basel World. Dort wollte man etwas Neues haben, und das Team befand, dass es eine nachhaltigere Lösung brauche als einfach einen Messestand, der nach ein paar Messeterminen in der Tonne landet.

So ist Rod gedanklich aus den Anforderungen für Messen, Pavillons und Produktpräsentationen entstanden. Oft sind solche Baukastenideen aus Aluminium. Rod ist aus Stahl; das hält was aus, denn es sollte ja möglich häufig auf- und abgebaut werden können. Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass Frieder Braun Stadtplaner und Metallbauer ist. In jedem Fall waren die Bereiche Office und Shop schnell mit in den Fokus gerückt für das System.

Trockenbauer eingespart

Eines der ersten Projekte war dann auch eine Bürolandschaft, die «ohne den Trockenbauer realisiert wurde», sagt Braun. Und genau darum geht es. Nicht nur im Messebau wird recht verschwenderisch mit Ressourcen umgegangen, auch die Nutzung von Räumen ändert sich, und diese müssen dann meist umgebaut werden. Nachhaltige Architektur setzt deshalb auf grosse Räume, die mit Elementen wie Rod bestückt werden und bei einem Auszug einfach abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden können.

Auch das schon vor Fertigstellung schweizweit bekannte nachhaltige Gebäude Hortus in Allschwil BL, setzt auf ein solches Konzept der möglichen Nutzungsänderung ohne Umbaumassnahmen.

Möbel zum Reinsitzen

Bei Waldner Partner sind inzwischen 170 Einheiten von Rod eingelagert. Eine Einheit besteht aus den Längs- und Querstreben mit 2500 mm Höhe, 800 mm Breite und 400 mm Tiefe. Das Ganze kann dann sehr unterschiedlich bestückt werden. Etwa mit Korpussen, schalldämmenden Vorhängen, akustisch wirksamen Flächen für Silent Boxen für ein Möbel zum Reinsitzen, einfachen Boards aus Seekiefer, Beleuchtung und anderem. Das System soll eine hohe Qualität haben und dabei flexibel und schnell sein, so Braun. Bei Walder Partner will man Rod nicht einfach nur für geeignete Projekte verkaufen, sondern auch Partner sein für andere. Deshalb stehen die Mietelemente zur Verfügung. «Wir haben als Genossenschaft investiert, und nun geht es darum, dass es möglichst oft eingesetzt wird», erklärt Braun.

Bietet einen Rahmen

Für Schreiner sei man eher Partner als Konkurrent. Man biete auch einfach die Grundkonstruktion aus Metall und die Organisation an. Der Schreiner könne das Innenleben selbst gestalten. Er spare so viel Arbeit, Zeit und Geld.

Der Schreiner bestimmt also, inwieweit er Dienstleistungen in Anspruch nehmen möchte. Und er wird in die Lage versetzt, in kurzer Zeit Räume zu gestalten und zu möblieren.

In der Genossenschaft Waldner Partner sieht man das Bedürfnis nach optisch ansprechender Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in allen Baubereichen wachsen. Rod soll dabei einen Beitrag zur Nachhaltigkeit von temporärer Architektur leisten.

www.waldnerpartner.ch

Ein uriger Typ

Zelte haben viele Schweizer Camper auf dem Dach ihres Bullis: das sogenannte Aufstelldach. Echte Zelte mit Heringen auf dem gewachsenen Grund fixiert, findet man auf Campingplätzen meist nur in geringer Anzahl. Das echte Zelt ist etwas für wahre Outdoor-Fans, in den Bergen und draussen in der Wildnis.

Oder aber das Zelt dient dem grossen Auftritt, wie beim Zirkuszelt. Dieser Typ wird auch Chapiteau genannt. Der Begriff kommt aus dem Französischen und steht für Kapitell. Denn typisch für die grossen Zelte ist der Mast mit oberem Abschluss, dem Kapitell, wie man es von dem typischen Zelt des Wanderzirkus kennt.

Die reine Lehre

Die Zeltkonstruktion ist im Grunde die ursprüngliche Verkörperung temporärer Architektur, aus einer Zeit stammend, in der es den Ausdruck noch gar nicht gab. Und weil die meisten Menschen mit Zelten höchstens in Gestalt eines Dachzeltes in Berührung kommen, faszinieren gerade grössere Konstruktionen durchaus.

Ein Spezialist auf diesem Gebiet ist Bootsbauer Stefan Geissbühler. Seine Ein- und Zweimaster dienen als Veranstaltungsdomizile auf Zeit und saisonale Bauwerke.

Sein grosser Zweimaster bietet mit 115 m2 überdachter Fläche Platz für 80 Personen bei einer Galabestuhlung. Mit 6 m Spitzenhöhe sitzt man unter einem eindrücklichen Dach.

In Zürich zu Hause

Jedes Frühjahr wird für das Restaurant Fischer’s Fritz in Wollishofen am Zürichsee ein Chapiteau aufgebaut. Es handelt sich um einen Einmaster mit Anbau, sodass es wie ein Zweimaster wirkt. Die einzelnen Elemente können kombiniert werden. Ein Seitenteil ist ein Element. Es sind also nicht lauter Einzelteile mit Stangen und Querstreben, sondern fixe Elemente, die mit Seilen und Scheibenelementen miteinander verbunden werden. Beim Zweimaster besteht jede Seite des achteckigen Grundrisses aus zwei Elementen. «Die Verbindung mit Seilen verleiht der Konstruktion eine gewisse Dynamik. Sie ist dadurch nicht starr. Das Prinzip ist eine Adaption aus dem Bootsbau», erklärt Geissbühler.

Für das Restaurant auf dem Gelände des Campingplatzes Fischer’s Fritz ist das weis-se grosse Zelt längst zum Markenzeichen geworden. Zwar lockt der frische Fisch direkt aus dem See viele der zahlreichen Besucher während der Saison, doch hat auch der Charme des Ortes seinen gewichtigen Anteil am Erfolg. «Das Zelt ist unglaublich schön. Als wir das geplant haben, waren wir etwas schockiert über die Kosten, aber jeder Franken hat sich inzwischen gelohnt, da die Gäste ‹nur› wegen des schönen Zeltes kommen», erklärt Gastronomie-Unternehmer Michel Peclard.

Im Zyklus der Jahreszeiten

Einen gewissen Aufwand stellen Auf- und Abbau eines solches Zeltes durchaus dar, trotz optimierter Konstruktion mit den fixen Seitenteilen. Aufgebaut sei ein Einmaster mit zwei Personen in etwa drei Stunden, führt Geissbühler aus. Das ist recht schnell und liege daran, dass man nicht schrauben muss, sondern mit den Seilen eine unkomplizierte Befestigung habe.

Wird das Zelt grösser, wie bei Fischer’s Fritz, braucht es drei bis vier Personen, die dann einen Tag lang beschäftigt sind. Dazu kommt noch der Boden, der im Frühjahr auf- und im Spätherbst wieder abgebaut werden muss.

Unternehmer Peclard hat inzwischen ein weiteres Chapiteau. Nach dem sommerlichen Einsatz in der Stadt Zug kommt es nun nach Zürich und dient dort als Fondue-zelt auf der Terrasse der Oper. «Da müssen dann feste Türen und Anbauten dazu, das dauert dann eher zwei Tage mit dem Aufbau», sagt Geissbühler.

www.chapiteau.chwww.fischers-fritz.ch

Bewegung in grösseren Dimensionen

Im Kanton Zürich gibt es wegen Sanierungs- und Umbaumassnahmen von Schulhäusern einen zusätzlichen Bedarf an Sportstätten. Der Kanton entschied sich, diese Lücke mit temporären Bauten zu schliessen. Die Planer von Pool Architekten haben sich daran gemacht, ein Konstruktionsprinzip zu entwerfen, das in Zukunft abgebaut und an einem anderen Ort eingesetzt werden kann.

Inzwischen sind mit dem Konzept von Pool Architekten schon mehrere Sporthallen als temporäre Bauten errichtet worden. Und auch andernorts besteht offensichtlich ein Bedarf an solchen Lösungen. Als Vorteil erweist sich dabei die Anpassungsfähigkeit an die Geländesituation und den Bedürfnissen der Schulen durch eine flexible Anordnung und Aufteilung der Elementbauweise.

Einfach ausgeklügelt

Zunächst wird auf Punktfundamenten eine Stahlträgerkonstruktion gelegt. Darauf folgen vorgefertigte Elemente wie Bodenplatten, die Wandtafeln und Stützen und schliesslich die Träger und der Dachaufbau mit Begrünung und Photovoltaik. Die Fassadenbekleidung erfolgt mit transparenten Fiberglas-Wellplatten. Dadurch wird der Blick in den Wandaufbau möglich, und gleichzeitig bietet die Hülle einen guten Schutz der Konstruktion.

Mit diesem Aufbau wolle man auch den Charakter als vorübergehende Bebauung unterstreichen, so die Planer.

Hinter   der  transparenten Hülle befindet sich die Dämmung samt Unterkonstruktion. Die Farbgebung betont die Senkrechte und lässt sich je nach architektonischer  Umgebung anpassen. So wolle man jedes Mal eine vollwertige städtebauliche und architektonische Lösung erreichen, führt Pool Architekten aus.

Als erste Sporthalle wird wohl das Provisorium der Schule Döltschi in Zürich seinen Dienst in den nächsten Jahren erfüllt haben. Einen neuen Standort für das temporäre Gebäude gibt es bislang nicht. Man darf gespannt sein, ob es gelingen wird, solche Dimensionen von temporären Bauten in Zyklen zu realisieren. Falls ja, dann ist die nachhaltige Architektur einen grossen Schritt weiter.

www.poolarch.ch

Christian Härtel, CH

Veröffentlichung: 24. Oktober 2024 / Ausgabe 43/2024

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