Vom Medaillengewinner zum Nationaltrainer

Reto Ettlin jubelt an den World Skills 2015 über den Gewinn der Silbermedaille. Bild: Swiss Skills

Als angehender Coach der Schreinernational- mannschaft weiss Reto Ettlin, wovon er spricht. An den World Skills 2015 in São Paulo wurde er Zweiter. Für die Teilnehmenden der Sektionsmeisterschaften hat er Tipps und Tricks.

In den meisten Sektionen des Verbandes Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten (VSSM) stehen im Oktober und November die Sektionsmeisterschaften auf dem Programm. Sie sind die erste Stufe im Zyklus 2021/22 mit dem Ziel Swiss Skills in Bern und dem Fernziel World Skills 2024 in Lyon (F). Gespannt auf die Wettkämpfe ist Reto Ettlin. Der Vizeweltmeister von 2015 ist seit fünf Jahren Assistent der Schreinernationalmannschaft. Begonnen hatte er als Betreuer und Übersetzer für die französischsprachigen Teilnehmer. Auf diesen Zyklus hin übernimmt er nun das Traineramt von Thomas Vogler.

Wenn Ettlin die Bilder der World Skills 2015 im brasilianischen São Paulo anschaut, kommen alle Emotionen wieder hoch. An den Berufsweltmeisterschaften hat er in der Kategorie Bauschreiner/Massivholz die Silbermedaille gewonnen. «Ich hatte damals, ehrlich gesagt, überhaupt nicht daran gedacht, an den Schreinermeisterschaften, geschweige den World Skills, mitzumachen», erzählt er. Im Kanton Obwalden würden aber die jeweils Besten der Teilprüfung angefragt, ob sie nicht an den Sektionsmeisterschaften teilnehmen wollten. «Ich war im vierten Lehrjahr und gerade auf meine Vertiefungsarbeit fokussiert. Ich nahm dann zwar am Wettkampf teil, hatte mich aber nicht gross vorbereitet.»

Immer eine Stufe weiter

Gross sei sein Erstaunen gewesen, als er unter die ersten drei kam und sich für die regionalen Meisterschaften qualifizierte, erzählt der Obwaldner. Auch dort schaffte er es wiederum aufs Podest und somit den Sprung in die Nationalmannschaft. An den Swiss Skills 2014 in Bern, wo die beiden Schweizer Schreinermeister in den Kategorien Massivholz und Möbel auserkoren wurden, schaffte er es auf Rang 2. Weil Mirco Signer beide Kategorien gewann, durfte ihn Ettlin als besserer Zweiter begleiten. «Nach diesem Erfolg hat sich innerhalb von zwölf Stunden alles für mich geändert», sagt der heute 26-Jährige. «Ich habe die Berufsmatur abgebrochen und wollte mich auf die World Skills konzentrieren und vorbereiten.» Für ein halbes Jahr trainierte er bei Roger Huwyler, dem VSSM-Experten der Kategorie Massivholz.

Die Zeit war sein grösster Feind

Wenn es während des Wettkampfs nicht läuft, solle man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, rät Reto Ettlin. Sein grösster Feind sei die Zeit und nicht die Qualität gewesen. «Am dritten Tag der World Skills sind mir mehrere kleine Missgeschicke passiert und ich habe gut eine Stunde verloren. Das hat meinen ganzen Plan zunichte gemacht und ich dachte: ‹Das wars.›» Er habe sich in der Nacht aber nochmals zusammengerauft, sei hingesessen und habe den letzten Wettbewerbstag auf die Minute genau durchgetaktet. «Es reichte knapp. Als die Schlusssirene ertönte, war ich so froh, dass es vorbei war. Das war wie eine grosse Last, die von einem abfällt. Ich wusste, ich hatte mich super vorbereitet und mein Bestes gegeben.»

Der Massivholzschreiner hat damals nicht mit einer Medaille gerechnet. Es sei extrem schwierig, das Niveau und die Arbeit der Konkurrenten einzuschätzen, sagt er. «Als ich bei der Rangverkündigung aufgerufen wurde, konnte ich es nicht glauben. Weil ich der erste Schweizer auf dem Podest war, war das für das ganze Team eine Erlösung.» Und er blieb nicht der Einzige. Die Schweiz kehrte aus São Paulo mit 13 Medaillen heim.

Keine Bewerbung geschrieben

Rückblickend betrachtet, habe ihm die Teilnahme an den Schreinermeisterschaften viel gebracht, sagt Ettlin. «Besonders das halbe Jahr der intensiven Vorbereitung auf die World Skills hatte für mich viele positive Aspekte. Ich musste an meinen arbeitstechnischen wie auch mentalen Fähigkeiten feilen. Das hat mich persönlich weitergebracht. Die Medaille war das Pünktchen auf dem i.» Zudem musste er danach nie eine Bewerbung schreiben. Man kennt ihn seitdem in der Innerschweiz. «Nach einiger Zeit nimmt das jedoch wieder ab und gerät in Vergessenheit.»

Beruflich hat sich der 26-Jährige seit Anfang dieses Jahres etwas verändert. Bis Ende 2020 sei er 100 Prozent als Schreiner tätig gewesen, erzählt er. Nun arbeitet er zwei Tage als Schreiner/Monteur bei Hand am Werk in Lungern OW, zwei Tage als Zeichner und Sachbearbeiter im Architekturbüro Roplamo in Sarnen OW und freitags macht er eine Weiterbildung. Und zwar jene zum Projektleiter Schreinerei an der IBW Höhere Fachschule Südostschweiz in Ziegelbrücke. «Das ist ein Experiment und es funktioniert», sagt er und lacht. «Als ich das Angebot des Architekturbüros erhielt, wollte ich es versuchen. Die Abwechslung zwischen der körperlichen Arbeit und der theoretischen Tätigkeit gefällt mir. Ich bin beiden Arbeitgebern sehr dankbar, dass sie mir das ermöglichen.» Im Büro beschäftigt er sich vor allem mit den Themen Brandschutz und Bauphysik. «Dabei kann ich viel mit meiner Arbeit als Schreiner sowie der Schule verknüpfen.»

Zuerst als Zuschauer mit dabei

Reto Ettlin freut sich auf die anstehenden Sektionsmeisterschaften. Bei der einen oder anderen wird er als Zuschauer mit dabei sein. «Meine Arbeit als Naticoach beginnt erst später.» Von den regionalen Meisterschaften bis zu den Swiss Skills wird er die neunköpfige Schreinernationalmannschaft betreuen. «Neben kleineren organisatorischen Aufgaben werde ich den Mitgliedern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ich schaue mit ihnen zum Beispiel neue Maschinen und Techniken an und überlege, wo jeder und jede noch gefördert werden kann.»

Er gibt sein Wissen gerne an Jüngere weiter. «Ich bin auch Prüfungsexperte und sehe manchmal, dass es Lernenden an Berufsstolz fehlt. Das ist sehr schade und tut mir etwas weh.» Er hat jedoch auch Verständnis, weil die Jugendlichen viel um die Ohren hätten. «An den Sektionsmeisterschaften zeigen aber alle, was sie können. Es ist Ehrgeiz und Motivation gefragt. Alle sollen einfach ihr Bestes geben.» Eine Teilnahme empfiehlt der Obwaldner speziell den Lernenden im dritten Lehrjahr. «Der Wettkampf ist wirklich eine gute Vorbereitung auf die Teilprüfung. Man muss üben, unter Zeitdruck zu arbeiten.»

www.schreinermeisterschaften.chwww.swiss-skills.ch

Tipps für den Wettkampf von Reto Ettlin:

  •  Zeige deinen Berufsstolz als Schreinerin oder Schreiner, egal in welchem Lehrjahr du bist.
  •  Lass dich am Wettkampftag mehr durch deine Freude leiten als den Druck. Denn du hast nichts zu verlieren. Du bekommst am Schluss keine Note.
  •  Gib einfach dein Bestes und sei stolz auf dich.
  •  Da du die Aufgabe im Voraus kennst: Schau sie dir gut an und überlege, was du zuerst machen willst und wo du aufpassen musst.
  • Auch wenn dir Maschinen zur Verfügung stehen, tendiere auf Arbeitstechniken, die dir liegen. Denn diese kennst du bestens aus deinem Alltag. Setze deine Arbeit so um, wie du es gewohnt bist. Am Wettkampftag solltest du nichts Neues ausprobieren.

Nicole D'Orazio

Veröffentlichung: 07. Oktober 2021 / Ausgabe 41/2021

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