«Holzografieren» à la Stepin

Charlie Chaplin aus 15 Holzarten,70 Farbtönen und 20 000 Teilen. Alexander Stepin (37) hat das «Holzo-grafieren» entdeckt. Bild: Beatrix Bächtold

Leute. Ein Bild von Charlie Chaplin hängt im Wohnzimmer des Schreiners Alexander Stepin in Eglisau ZH. Eigentlich nichts Besonderes. Doch tritt man näher, noch näher, noch näher, kommt irgendwann der Aha-Moment.

Dann erkennt man, dass dieses 67 mal 67 Zentimeter grosse Bild gar nicht aus Papier, sondern aus Holz ist. Als Pixel fungieren 22 000 gleichseitige Sechsecke. «Ich habe viel überlegt, bis das so klappte», sagt der gelernte Schreiner. 2016 bekam der damals 30-Jährige aus Russland einen Arbeitsvertrag bei der Robert Fehr AG in Andelfingen ZH. Und so kam er mit kleinem Gepäck und grosser Liebe zum Schreinerberuf in die Schweiz. Bei seiner Arbeit gelangten dort die verschiedensten exotischen und einheimischen Furniersorten in seine Hände. Diese Vielfalt faszinierte ihn. «Abfälle dieser schönen Hölzer zu vernichten, zerriss mir fast das Schreinerherz», erzählt er. Irgendwann kam ihm die zündende Idee: Könnte man nicht mit dieser Vielzahl von Schattierungen, mit technischen Hilfsmitteln und unter Zuhilfenahme von Computerprogrammen Holzfotos machen? Schliesslich besteht ja jedes Foto aus Pixel. Und wenn es gelänge, jedes Pixel aus Holz herzustellen? Was für ein wunderbarer Gedanke. Stepin suchte im Internet nach Tipps. Vielleicht war ja schon jemand vor ihm auf diese Idee gekommen? Aber das schien nicht der Fall zu sein. Also machte er sich selbst diese Kunst zu eigen. «Das entspricht meiner Art. Ich liebe es, mich weiterzuentwickeln und zu lernen.» Anfangs erwies sich das exakte Zuschneiden der Furnierpixel als schwierig.

«Abfälle dieser schönen Hölzer zu vernichten, zerriss mir fast das Schreinerherz.»

Die umgebaute Revolverlochzange, mit der man normalerweise Löcher in Gürtel stanzt, war nicht effizient genug. Ausserdem splitterte das dünne Furnier. Auch das Stanzen in nassem Zustand war ein Flop, denn beim Trocknen verzogen sich die Hexagone. Die Lösung für die beiden Probleme fand er in einer gebrauchten Handpresse, die er in einer Werkzeugfabrik nach seinen Plänen umbauen liess. Diese Handpresse schraubte er auf einen Block aus Eichenholz und platzierte ein Schublädchen unter dem Materialaustritt. Seither stanzt der Schreiner mit nur einem Hebelzug gleich fünf solcher 5 Millimeter kleinen Hexagone aus einem Furnierholzstäbchen. Für die Farbbestimmung schaffte er sich ein Farblesegerät an, welches auf einem kleinen Bildschirm jedem Farbton eine Nummer zuordnet. «Nussbaum ist ja nicht gleich Nussbaum. Auf einem kleinen Furnierstück kann es unzählige Farbschattierungen geben», sagt er. Das Farblesegerät erlaubt ihm jetzt, die Hexagone nach Farbnummern zu sortieren. Als Gegenstück vergrössert er das Foto, welches er später in Holz darstellen möchte, bis er die einzelnen Pixel sieht. Auch diesen ordnet er eine Zahl zu. So kann er dann Hexagon an Hexagon auf einer mit doppelseitigem Klebeband belegten Platte platzieren. Bei seiner heutigen Arbeitgeberin, der Schreinerei Graf Gebrüder AG in Eglisau, darf er das fertige Werk in die Presse legen. Obwohl Stepin mittlerweile ein wahrer Meister ist, stecken immer noch 200 Arbeitsstunden in jedem Bild.

Salvador Dalí und Charlie Chaplin sind ihm gelungen. Aber beim «Holzografieren» ist das wie beim Fotografieren – am liebsten bildet man das ab, was man liebt. Und so hängt neben den beiden Stars auch ein Holzbild seines Sohnes. Aktuell übersetzt der Schreiner ein Foto von sich und seiner Frau ins Hölzige. Allerdings nicht wie bisher im Viereckformat, sondern rund. Das wird ihn noch eine Weile beschäftigen, denn selbst nach der Optimierung aller Prozesse, ist so ein Holzfoto à la Stepin immer noch eine zeitraubende Präzisionsarbeit von fast unbezahlbarem Wert.

Beatrix Bächtold

Veröffentlichung: 24. Juli 2023 / Ausgabe 29-30/2023

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