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Schreinerzeitung: Herr Iten, das Jahr 2020 war nicht normal. Worüber wollen wir zuerst reden?
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Thomas Iten: Die Coronapandemie hat die ganze Welt beschäftigt und steht in der Themenrangliste ganz oben. Doch klar ist, dass auch branchenspezifische Begebenheiten viel zu diskutieren gaben. Ich denke da an den Gesamtarbeitsvertrag, der leider nicht zustande gekommen ist, und an den neuen VSSM-Zentralsitz in Wallisellen.
- Also zuerst zu Corona: Wie stark hat die Schreinerbranche bis jetzt unter der Pandemie und ihren Folgen gelitten?
- Bei allem Leid, das uns Corona gebracht hat, ist es sehr interessant, wie gut die Schreinerbranche mit diesen Umständen zurechtgekommen ist. Anfänglich, im März und April, war in Bezug auf Aufträge von Privaten ein deutlicher Einbruch zu beobachten. Die Leute waren stark verunsichert, waren ängstlich. Doch nach wenigen Wochen drehte der Wind um 180 Grad: Es gab plötzlich sehr viele Anfragen bei den Betrieben, gerade auch von Privatkunden. Sie waren während des Lockdowns viel zu Hause und dachten darüber nach, wie sie ihre Wohnsituation verbessern können. Sie begannen, Umbauten und Erweiterungen zu planen, oder wollten ihr Homeoffice optimal einrichten. Und es machte ein bisschen den Anschein, als hätten sie Geld zur Verfügung, das sie in einem normalen Jahr anderweitig ausgegeben hätten. Die Schreinereien bekamen schöne Aufträge. 2020 war also, zumindest in der Deutschschweiz, insgesamt kein schlechtes Jahr. Auch der Start ins neue Jahr sieht nicht schlecht aus. Die wenigsten Schreinereien klagen über schlecht gefüllte Auftragsbücher. Doch es war trotzdem kein einfaches Jahr, weil der Umgang mit der Pandemie alle stark forderte. Man musste diszipliniert sein und sich streng an die Sicherheitskonzepte halten, und natürlich haben diese auch etwas gekostet.
- Im Tessin wurden während Wochen Betriebe und Baustellen stillgelegt ...
- Ja, im Tessin war die Situation in der Tat deutlich schwieriger als in der Deutschschweiz. Der Kanton litt stark unter der Pandemie. Die Phase im Frühling war sehr heikel. Ich stand während dieser Zeit in engem Kontakt mit dem Tessiner Sektionspräsidenten Renato Scerpella und unserem Tessiner Zentralvorstandsmitglied Fabrizio Wüthrich. Und als wäre der Lockdown nicht genug gewesen, musste ja auch noch die Delegiertenversammlung abgesagt werden, die im Tessin hätte stattfinden sollen und für deren Durchführung bereits ein enormes Engagement erbracht worden war. Unsere Schreiner in der Südschweiz wurden also auch diesbezüglich von der Pandemie getroffen. Man ist sich einig darüber, und das freut mich sehr, dass die DV im Tessin im Juni 2023 nachgeholt wird.
- Wie geht die Branche 2021 mit Corona um? Was erwarten Sie in diesem Jahr?
- Die Unternehmen werden das überstehen. Aber ich verbinde mit dem neuen Jahr schon auch einige Hoffnungen. Ich sehne mir den normalen Zustand herbei ohne Schutzmassnahmen, die einen lähmen, ohne die permanente Gefahr eines Lockdowns. Und ich habe auch einigen Respekt vor der Verschuldung, die der Staat wegen der Pandemie eingehen musste. Geld, das der Wirtschaft fehlen wird. Ich wünsche mir, dass die öffentliche Hand jetzt nicht bei den Investitionen auf die Bremse steht. Das wäre schlecht für die Branche. Und ganz privat habe ich die Hoffnung, dass man bald wieder unbeschwert familiäre Kontakte auch über die Grenzen hinweg pflegen kann. Meine älteste Tochter lebt mit ihrer Familie in England. Das ist im Moment wirklich nicht einfach.
- 2021 ist auch das Jahr eins ohne Gesamtarbeitsvertrag für die Schreiner. Wie konnte es so weit kommen?
- Aufgrund der Diskussionen in den verschiedenen Gremien und an den Informationsveranstaltungen in den Sektionen erstaunt mich dieses Ergebnis nicht. Doch ärgere ich mich über die Sturheit der Gewerkschaften. Wir hatten einen guten GAV ausgehandelt, der flexibel, fair und zukunftsorientiert ist. Auch in Bezug auf ein Vorruhestandsmodell hatten wir Wort gehalten und mit den Gewerkschaften eine Lösung ausgearbeitet. Doch es zeigte sich 2020, dass eine Vorruhestandslösung in der Branche einen schwierigen Stand haben wird. Insbesondere in Zeiten der Unsicherheit, die Corona mit sich bringt, sind neue Lohnabzüge und Abgaben nicht mehrheitsfähig. Wir appellierten deshalb schon früh im Jahr dafür, die Abstimmung über das Modell auf 2021 zu verschieben. Doch die Gewerkschaften lehnten dies kategorisch ab. Und sie stellten sich auf den Standpunkt, dass es keinen neuen GAV ohne Vorruhestandsmodell gibt. Trotzdem reichte man gemeinsam beim Seco ein Gesuch um Verlängerung des bestehenden GAV um ein Jahr ein.
- Aber warum sind wir denn vertragslos?
- Weil es kam, wie es abzusehen war: Die Delegierten sagten Ja zum GAV, aber Nein zum Vorruhestandsmodell. Nach der Abstimmung hätte man wenigstens das Gesuch um Verlängerung beim Seco stehen lassen können. Man hätte sich ein Jahr Zeit geben können, um sich in strittigen Punkten noch zu einigen. Doch die Gewerkschaften stellten sich quer. Damit liess man den guten GAV platzen, was unbegreiflich ist. Jetzt haben wir einen Scherbenhaufen. Es wird nicht einfach sein, rasch eine Lösung zu finden. Denn für uns ist klar: Nachdem 85 Prozent der Delegierten das Vorruhestandsmodell abgelehnt haben, kann dieses aktuell kein Thema mehr sein. Doch wir sind bereit, mit den Gewerkschaften über einen neuen, angepassten GAV ohne Vorruhestandsmodell zu verhandeln.
- Die Sozialpartner konnten sich nicht einigen, und jetzt bezahlen die Schreinerinnen und Schreiner die Rechnung?
- Genau das ist es ja, was mich so ärgert: Innerhalb der Branche leiden die Mitarbeitenden am allermeisten. Nehmen wir zum Beispiel die Gelder aus dem Weiterbildungsfonds der Zentralen Paritätischen Berufskommission: Bislang konnten jährlich mit ungefähr 1,6 Millionen Franken Weiterbildungen von Schreinern unterstützt werden. Dieses Geld ist nun nicht mehr verfügbar. Wir sind jetzt arbeitgeberseitig daran, eine Lösung zu finden, damit die Schreiner nicht aus finanziellen Gründen auf Weiterbildungen verzichten müssen. Eine solche Lösung würde aber nur für VSSM-Mitgliedsbetriebe gelten.
- Zum erfreulichen Thema, das den VSSM 2020 beschäftigt hat: Mit dem Umzug des Zentralsitzes nach Wallisellen konnte er ein Grossprojekt abschliessen.
- Damit konnte man einen Punkt setzen hinter ein langes Kapitel. Wir trafen viele Abklärungen, waren sogar einmal nahe daran, auf einer Landparzelle selber ein Neubauprojekt zu realisieren. Doch schliesslich hat man mit dem Verband der Maler und Gipser als Vermieter einen Partner gefunden, der fair ist und für den VSSM die bestmögliche Lösung bietet. Und die Lage in Wallisellen ist wirklich ideal.
- Corona hat auch den Bezug des neuen Zentralsitzes nicht einfacher gemacht.
- Es gab zuerst eine Verzögerung wegen des Lockdowns, und nach den Sommerferien war bald wieder Homeoffice angesagt. Doch wenn wir jetzt immer von Corona sprechen, muss ich noch unbedingt etwas loswerden, das mir sehr am Herzen liegt: Es hatten alle kein einfaches Jahr, das von vielen Unsicherheiten und ständigen Veränderungen geprägt war. Doch alle – die Mitarbeitenden, die Schreinerinnen und Schreiner, die Unternehmer – haben immer ihr Bestes gegeben, und das Resultat ist auch entsprechend gut herausgekommen. Dafür bin ich allen sehr dankbar.
www.vssm.chMartin Freuler
Veröffentlichung: 07. Januar 2021 / Ausgabe 1-2/2021